85. Geburtstag von Fidel Castro Die Revolution frisst ihren Vater

Kubas Revolutionsführer im Ruhestand, Fidel Castro, feiert an diesem Samstag seinen 85. Geburtstag - und muss mit ansehen, wie sein Bruder das von ihm geschaffene System langsam aber sicher demontiert: Raúl Castro reformiert die Wirtschaft und gewährt Reiseerleichterungen. Dem Máximo Líder soll das überhaupt nicht gefallen.

Von Sebastian Schoepp

Es soll eine schöne und schlichte Feier werden. Wendy Iriepa hat sich ein trägerloses Kleid gekauft, und auch Ignacio Estrada wird sich so fein machen, wie das auf Kuba eben möglich ist. Die internationale Presse steht Schlange für Interviews. Als Ehrengast und Trauzeugin der ersten offiziellen Ehe zwischen einem Homosexuellen und einem Transsexuellen auf Kuba kommt Yoani Sánchez, die berühmteste Bloggerin des sozialistischen Inselstaates. Dass sich Wendy Iriepa und Ignacio Estrada ausgerechnet den 13. August als Termin für ihre Hochzeit ausgesucht haben, wollen die beiden mitnichten als Provokation verstanden wissen, betonten sie gegenüber der mexikanischen Presse. Es sei ein "Geschenk an Fidel Castro".

Raúl Castro (rechts) will die Machtstrukturen seines fünf Jahre älteren Bruders, Fidel Castro (links), aufbrechen. Aber der bremst die Reformen, wo er nur kann.

(Foto: REUTERS)

Der Revolutionsführer im Ruhestand feiert am selben Tag seinen 85. Geburtstag, und er erlebt, wie sich das von ihm geschaffene System langsam aber unaufhaltsam wandelt. Homosexualität etwa wurde in den Jahrzehnten nach der Revolution 1959 unter der Ägide der bärtigen Machos aus der Sierra Maestra unnachgiebig verfolgt. Seit Fidel Castro jedoch kürzlich in einem Interview untypisch altersmilde eingestand, dies sei ein Fehler gewesen, fühlen sich Schwule, Lesben und Transsexuelle freier. Sie können mit Unterstützung des Staatlichen Instituts für Sexualerziehung rechnen, das von Fidels Nichte Mariela Castro geleitet wird, Tochter seiner Bruders Raúl, des Präsidenten. Dort ließ sich Wendy Iriepa zur Frau umoperieren, was die Hochzeit mit dem homosexuellen Estrada erst möglich macht, denn eine wirkliche Homo-Ehe gibt es auf Kuba - noch - nicht.

In Lateinamerikas Schwulenszene wird kolportiert, die sexuelle Befreiung auf Kuba habe damit zu tun, dass Präsident Raúl Castro selbst homosexuell sei, und einst von seinem älteren Bruder zu Heirat und Familiengründung gezwungen wurde. Das wird offiziell selbstverständlich weder bestätigt noch dementiert. Tatsache ist, dass neuerdings möglich ist, was lange unmöglich schien.

Der Gesundheitszustand von Castro - ein sehr gut gehütetes Geheimnis

Am Montag nickte das Parlament umfangreiche Wirtschaftsreformen ab, die Raúl Castro als Staatschef initiiert hat. Wohnungen können auf dem freien Markt gehandelt werden. Der Staat gibt die Oberhoheit über Einzelhandel, Transport und Landwirtschaft auf. In den nächsten fünf Jahren sollen eine Million Staatsbedienstete entlassen werden und selbständig arbeiten. In Havanna tauchen Verkaufsstände und kleine Handwerksbetriebe auf, wie sie Fidel Castro 1968 verboten hatte. Sogar Reiseerleichterungen für die elf Millionen Kubaner hat Raúl Castro angekündigt.

Der 80-Jährige leitet seit 2006 als Nachfolger des erkrankten Fidel die Geschicke der Insel. Dabei betont Raúl Castro zwar stets, man werde an Planwirtschaft und Sozialismus festhalten. Doch das darf eher als verbales Zugeständnis an den großen Bruder gewertet werden, von dem gemunkelt wird, er bremse die Reformen, wo er nur kann. Wie stark er das angesichts seiner angegriffenen Gesundheit noch kann, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse in Havanna.

Immerhin geht es Fidel Castro zu seinem 85. Geburtstag besser als am 80., an dem er im Krankenhaus um sein Leben kämpfte. Ob er allerdings an der Feier am Samstagabend im Teatro Karl Marx von Havanna teilnehmen würde, blieb bis zuletzt unklar. 22 revolutionstreue Sänger aus neun Ländern Lateinamerikas wollten zu Ehren des Jubilars Ständchen bringen. "Wir wissen nicht, was alles passieren kann", sagte Festkoordinator Alfredo Vera.

Eine Bloggerin zweifelt am Willen, das System zu ändern

Als Staatsgast weilt zum Geburtstag Venezuelas Präsident Hugo Chávez auf der Insel, wenn auch nicht ganz freiwillig. Chávez hat Krebs und unterzieht sich einer Chemotherapie in Havanna, wo die Gesundheitsversorgung besser ist als zuhause in Caracas. Wirtschaftlich jedoch hängt Kuba am Tropf Venezuelas, lebt von dessen Öllieferungen und anderen Wohltätigkeiten, die die Wirtschaftshilfe der untergegangenen Sowjetunion abgelöst haben. Chávez' Krankheit zeigt, dass das nicht ewig so bleiben kann und dass Reformen, die zu mehr Selbständigkeit führen, unumgänglich sind.

Für Dissidentin Yoani Sánchez gehen diese jedoch zu langsam vonstatten. Raúl Castro habe alles der Prämisse untergeordnet, "die Nation, die ihm sein Bruder vererbt hat, im Familienbesitz zu behalten", bloggt sie. Nichts werde sich auf Kuba wirklich ändern, solange die Castros an der Macht seien.