50 Jahre Élysée-Vertrag:Träume von Neo-Bismarck

German Chancellor Merkel and French President Hollande meet French and German cultural representatives in Berlin

Richtungsweisend: Frankreich wirft Deutschland vor, nicht nur Regeln für sich selbst, sondern für alle zu bestimmen. (Angela Merkel und Francois Hollande am Dienstag in der französischen Botschaft in Berlin)

(Foto: REUTERS)

In Paris herrscht Irritation: Immer geht es nach Deutschlands Willen, das Land geriere sich als Hegemon, ist der große Vorwurf Frankreichs. Dabei träumt die Mannschaft von Präsident Hollande selbst davon, eine neobismarcksche Politik zu betreiben.

Von Frédéric Lemaître und Arnaud Leparmentier (Le Monde)

Im Privaten spart der Élysée-Palast nicht mit Vorwürfen über das Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn. Monatelang hat sich Angela Merkel als gute Europäerin gegeben und vorgeschlagen, weiter in Richtung einer politischen Union zu gehen. Am Ende ging das François Hollande auf die Nerven: "Ihr tappt alle jedes Mal in die Falle", sagte er auf der Rückfahrt von einem Gipfeltreffen in Brüssel im Dezember, als er wenig komfortabel in einem Thalys-Zug in der zweiten Klasse saß.

Wenn Deutschland die politische Union fordert, dann deshalb, weil diese in weiter Ferne liegt. Auf kurze Sicht hingegen hat Deutschland jede Menge Vorbehalte. Noch schlimmer: Deutschland geriere sich als Hegemon, so der Vorwurf eines Beraters von Hollande. Die Mannschaft des Präsidenten träumt davon, selbst eine neobismarcksche Politik zu betreiben, kann es aber nicht ertragen, wenn Deutschland so agiert.

Wie schon beim Amtsantritt von Nicolas Sarkozy gibt es in der Entourage des Präsidenten keinen Deutschlandfreund. Der Europaberater Philippe Léglise-Costa hat seine Karriere im Kabinett von Hubert Védrine begonnen, der die wachsende Macht Deutschlands schon immer misstrauisch beäugte. Wirtschaftsberater Emmanuel Macron ist ein ehemaliger Rothschild-Banker. Seine Welt ist die angelsächsische, nicht die germanische. Es herrscht also wenig Empathie für die deutschen Positionen.

Der große Vorwurf: dass Deutschland die Regeln bestimmen will

Beispiel Industriepolitik: Offiziell sagt Finanzminister Pierre Moscovici zwar nichts über die Strategie des im Sterben liegenden Autoherstellers Peugeot. Aber ihm und vielen anderen in Paris bereitet der Preiskampf in Europa Sorgen. "Volkswagen hat sich entschlossen, PSA (den Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën) aus dem Weg zu räumen", klagt jemand, der François Hollande nahesteht.

Angriff ist die beste Verteidigung: Wenn es nach Pierre Moscovici ginge, würde Peugeot direkt mit General Motors verhandeln, um in Deutschland Fuß zu fassen und dessen Opel-Tochter zu kaufen. Dieser Minister kennt keine Hemmungen, er hat die Unstimmigkeit mit seinem Kollegen Wolfgang Schäuble über die Bankenunion in Europa in aller Öffentlichkeit zum Thema gemacht. Und das auch noch in Zypern, entgegen aller Usancen. Die Bankenunion sollte alle Geldhäuser umfassen, außer den deutschen Sparkassen und Regionalbanken - in Paris wittert man ein Zugeständnis an die Landespolitiker.

Hollande und Merkel hatten einen schlechten Start

Das ist der große Vorwurf Frankreichs an Deutschland: dass es Regeln bestimmen will, die für ganz Europa gelten, nur nicht für sich selbst. Das zeigte sich auch im Herbst, als die EU-Kommission mit den Euro-Ländern "Verträge" aushandeln sollte, als Ergänzung zu ihren Reformanstrengungen. François Hollande hat klar gemacht, dass auch Deutschland eine solche Verpflichtung eingehen müsste. Angela Merkel soll plötzlich sehr viel weniger Interesse an der ganzen Idee gehabt haben.

Hollande und Merkel "beschnuppern sich noch"

François Hollande und Angela Merkel hatten einen sehr schlechten Start. Das ist normal. Die Beziehungen zwischen Jacques Chirac und Helmut Kohl sowie Gerhard Schröder waren genauso von Misstrauen geprägt wie die zwischen Nicolas Sarkozy und Angela Merkel. François Hollande reizte es, gemeinsame Sache mit den Italienern und den deutschen Sozialdemokraten zu machen. Auf der europäischen Bühne hat er sich mit zwei Marios verbündet, dem italienischen Premier Mario Monti und dem EZB-Chef Mario Draghi.

"Sarkozy hatte einen Pakt mit Merkel geschlossen", sagte Hollande Ende Sommer 2012. "Sarkozy sorgte dafür, dass Deutschland nicht isoliert wurde, dafür hat Merkel ihn mit der Glaubwürdigkeit der Bestnote AAA belohnt, unter der Bedingung, dass er seinen Haushalt in Ordnung hält. Ich habe dieses Spiel beendet, ich habe darauf gedrungen, dass man Kompromisse schließt, indem andere einbezogen werden."

Im Élysée empfing der sozialistische Präsident ostentativ die SPD-Größen Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück - die dann zurück in Berlin prompt die Kanzlerin dazu brachten, der Finanztransaktionsteuer zuzustimmen, im Gegenzug für das Ja der SPD zum Fiskalpakt.

François Hollande, der ein wirtschaftlich geschwächtes Land regiert, muss möglicherweise noch länger mit der Kanzlerin auskommen. Die beiden lernen gerade, sich kennenzulernen. "Sie beschnuppern sich noch", sagt Pascal Lamy, der Direktor der Welthandelsorganisation, der beide gut kennt.

Frédéric Lemaître ist der Korrespondent von Le Monde in Berlin, Arnaud Leparmentier ist Kolumnist der Zeitung. Übersetzung: Caroline Ischinger

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