1970:Schreckliche Ungewissheit

"Das war für die Palästinenser damals Gold wert" sagt Ziegler. Mitten im imperialistischen Westen hatten sie einen Ort, an dem ihnen diplomatische Immunität zugesichert wurde. Und auch wenn die Schweiz betonte, ein solches Büro sei etwas anderes als eine offizielle Anerkennung, hob es die Befreiungsfront doch in einen andere Stellung. "Dieses Büro war ein ganz entscheidender Schritt für die Palästinenser", ist Ziegler heute überzeugt. Die Schweiz habe den geheimen Verbündeten sogar abhörsichere Leitungen zur Verfügung gestellt. Bald ändert sich auch international etwas am Status der PLO: 1974 wird sie von den Vereinten Nationen als Vertreterin des palästinensischen Volkes anerkannt.

Doch das ist nicht das Einzige, was die Schweiz für die Palästinenser tut. "Es sind vonseiten der Schweiz unglaubliche Konzessionen eingegangen worden", sagt Ziegler. Unmoralisch sei daran vor allem eines gewesen: "Straffreiheit für die Attentäter." Namentlich im Fall der abgestürzten Maschine über Würenlingen.

In der Schweiz haben die Enthüllungen für großes Echo gesorgt

Obgleich die Verdächtigen bekannt waren, wurde nie Anklage erhoben, das Verfahren schließlich eingestellt. Für die Angehörigen der 47 Todesopfer umgibt die Einstellung des Verfahrens bis heute eine schreckliche Ungewissheit. Auch Reporter Marcel Gyr fehlt der letzte Beweis, dass es aufgrund der geheimen Vereinbarung nicht zu einer Verurteilung gekommen sei. Es spricht allerdings vieles dafür. Mitgefühl mit den Angehörigen habe ihn jetzt dazu gebracht, sein Schweigen zu brechen, sagt Ziegler.

In der Schweiz haben die Enthüllungen für großes Echo gesorgt. Oliver Diggelmann, Professor für Völkerrecht an der Universität Zürich, sieht das Handeln des Schweizer Außenministers als Verrat an der Ethik des Neutralen. Zudem handle es sich um einen Verrat an den internationalen Bündnispartnern. Indem die Schweiz einseitig Vorteile herausgehandelt habe, habe sie die Gefahr in allen anderen Ländern erhöht. Ein Vertrauensmissbrauch.

Robert Akeret, der damals im Fall Würenlingen gegen die Attentäter ermittelt hat, sagt, das Abkommen bestätige, was er schon lange vermutet habe: "Dass da auf politischer Ebene ein Agreement getroffen wurde." Die Präsidentin der Gesellschaft Schweiz-Israel übt Kritik: Mit Terroristen verhandle man nicht, wer es doch tue, werde erpressbar.

Jean Ziegler berät heute den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. Er glaubt, dass der israelische Geheimdienst etwas von den Verbindungen zwischen Schweizern und Palästinensern gewusst haben könnte. Vollblut-Politiker Pierre Graber sei nach eher kurzer Amtszeit und ohne nachvollziehbare Gründe zurückgetreten. "Ich vermute, dass er den Bundesrat auf Druck der Israelis verlassen hat." Für Ziegler ist klar, dass die Schweizer damals in "guter Absicht" gehandelt hätten, noch mehr Blutvergießen verhindern wollten. Am Sonntag will sich der 81-Jährige mit dem Sohn des in Würenlingen getöteten Piloten treffen.

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