Schnee-Winter 2019 Der Schnee und sein Schrecken

Schilder und Masten ragen bei Weilheim aus einer komplett weißen Landschaft.

(Foto: dpa)

Dank des technischen Fortschritts wird Schnee von vielen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Er ist vor allem ein Wirtschaftsfaktor. Man sollte ihm dennoch mit Respekt begegnen.

Von Martin Zips

Als erstes reines Winterbild der Kunstgeschichte gilt vielen die "Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle". Pieter Bruegel der Ältere soll es im Jahr 1565 gemalt haben. Es zeigt Dorfbewohner, die sich auf einem zugefrorenen Fluss vergnügen, während im Vordergrund eine Vogelfalle auf Opfer wartet. Ein unbeschwertes Alltagsmotiv, ohne Angst und Schrecken. Anders als noch im Mittelalter werden Schnee und Eis hier nicht mehr als Bedrohung dargestellt, sondern als normaler Bestandteil des Jahresrhythmus', mit dem sich der Mensch halt irgendwie zu arrangieren hat. Vor Kälte oder Hunger scheint sich auf Bruegels Bild jedenfalls niemand zu fürchten. Vermutlich sind die Stuben nahe der Eisfläche gut geheizt - und sicher wird sich auch noch der ein oder andere wohlschmeckende Vogel in die Falle rechts im Bild verirren.

Das Phänomen "Schnee" - dank des weltweiten technischen und sozialen Fortschritts - hat einen Großteil seines Schreckens verloren. Motorisierte Schneeräumgeräte, wie sie vor hundert Jahren erstmals an Traktoren und Lastwagen zum Einsatz kamen; die ständige Verfügbarkeit von Sand, Salz, Harnstoff und Glykolen; aktuelle Lawinenwarnungen auf dem Handy sowie die neueste Notfallausrüstung im Gepäck: Was soll dem Menschen da schon noch passieren? Geräumte Zufahrtsstraßen, ein pünktlicher Bahnverkehr, perfekte Pisten und überall Strom - das sollte hierzulande auch noch bei drei Meter Neuschnee irgendwie gewährleistet sein. Nur leider passiert doch immer wieder etwas. Vor lauter Technik und Ehrgeiz scheint manchen Menschen das Gefühl für die lebensbedrohlichen Gewalten der Natur abhandenzukommen.

Schnee kostet - und bringt Geld

Schnee, das ist heute vor allem ein Wirtschaftsfaktor. Den Wintersportgebieten bringt er bestenfalls Geld, den Steuerzahler, den Unternehmer und den Versicherungskonzern kostet er was. Bis zu 100 Schneepflüge können in Frankfurt am Main gleichzeitig im Einsatz sein, wenn es denn das Wetter erfordert. In Berlin sind es um die 540 und in München 600. Fast 700 Mitarbeiter sind derzeit am Münchner Flughafen mit dem Winterdienst beschäftigt. Die Enteisung eines einzigen Flugzeugs verschlingt je nach Größe und Wetterlage bis zu 1000 Liter Antifrostmittel. Eine perfekte Eisabwehr ist - die derzeit recht stramme Nordwestströmung gegen die Alpen und ihre tonnenschweren Auswirkungen hin oder her - für den modernen Menschen selbstverständlich. Ebenso, wie einst die Vogelfalle für Bruegels Eis laufende Dorfbewohner.

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In einigen Alpenregionen gilt die höchste Lawinenwarnstufe. Inzwischen haben zwei bayerische Gemeinden den Katastrophenfall ausgerufen. Auch der Verkehr ist stark beeinträchtigt.

Und während hierzulande der Allgemeine Deutsche Automobil-Club mal wieder darauf hinweist, dass "aufgrund ihrer typischen Form erkennbare Verkehrsschilder" selbst dann noch gültig sind, wenn man sie vor lauter Schnee nicht mehr lesen kann, lacht man andernorts über die karge, nur zweistellige Millionensumme, die der Freistaat Bayern jährlich für seinen Winterdienst ausgibt. Kanada hält dafür eine Milliarde Dollar bereit. Allein die Vier-Millionen-Metropole Montreal, in der man im Winter mit mehr als zwei Metern Schnee rechnet, soll fast 158 Millionen Dollar dafür verwenden. Nicht viel anders die Situation in Helsinki/Finnland, wo im Winter 2009/2010 mehr als 200 000 Lastwagenfahrten gezählt wurden, bei denen überschüssiger Schnee auf Deponien rund um die Stadt landete.

Woanders wiederum, wie derzeit in Teilen der Türkei und Griechenlands, in Israel, Jordanien und Libanon, aber auch immer wieder in den USA, reichen bereits wenige Schneezentimeter aus, um ein Chaos anzurichten. Da hat die japanische Kleinstadt Tokamachi, mit mehr als elf Metern pro Jahr der angeblich schneereichste Ort der Welt, freilich ganz andere Probleme. Immerhin: In Japan gilt Schnee als mystisch.

Vier Fünftel der Weltwirtschaft hängen vom Wetter ab

Hierzulande hingegen: Ein großes Thema, wenn Autos einmal nicht so schnell wie gewohnt fahren können, Menschen zu spät zur Arbeit kommen, Weichen per Hand freigeschaufelt werden müssen und Schulen geschlossen bleiben. Der Schnee und seine Folgen treffen eben alle Teile der Gesellschaft. Anders als die europäische Kältewelle 2016/2017, die viele Obdachlose das Leben kostete. Hunderte Menschen starben, weil sie keine Heizung oder warme Kleidung hatten.

Vier Fünftel der Weltwirtschaft hängen vom Wetter ab, das haben die Gründer des österreichischen Wetterdienstes Ubimet jüngst einmal ausgerechnet. So gesehen müsste Schnee stets die Topmeldung der Börsennachrichten sein.

Doch denkt man vor allem an die Kosten und die Probleme, die er verursacht, so verliert der Winter ganz schnell seine Bruegel'sche Unbeschwertheit. Da wirkt er wieder so bedrohlich wie im Mittelalter oder in Filmen wie "Fargo" oder in Schuberts Winterreise ("Die Blumen sind erstorben"). Wie jeder Naturerscheinung sollte man ihm mit Respekt begegnen - was kindliche Freude zuweilen nicht ausschließt: Obwohl ihnen 68 Euro Bußgeld drohten, stiegen ein paar Wagemutige vor genau einem Jahr in Paris auf ihre Skier und Snowboards. Die höchste Erhebung ihrer Stadt, der Hang unterhalb der Basilika Sacré-Cœur de Montmartre nämlich, erstrahlte unverhofft in allerschönstem Weiß. Das galt es zu nutzen.

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