Kulinarik:La Vie en Rosé

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Ein "Jahrhundertwein"? Zumindest wird Rosé bei Weintrinkern immer beliebter.

(Foto: Goodluz/imago/Panthermedia)

Lange als zweitklassiger Wein verunglimpft, verkauft sich Rosé von Jahr zu Jahr besser. Das dürfte nicht allein am Geschmack liegen.

Von David Pfeifer

Weinkennertum ist eine der Privatwissenschaften, in der hart erworbene Expertise häufig auf Humorlosigkeit trifft. Freunde der legendären Fernsehserie "Monaco Franze" erinnern sich womöglich an Doktor Schönfärber, der nach dem Opernbesuch Wein bestellt ("68er Güldene Abtsleite, Trockenbeeren Spätauslese"), diesen einen Moment im Mund herumspült, wobei zartes Zwitschern erklingt, und schließlich einen "Jahrhundertwein!" konstatiert. "Gell, Herr Doktor Schönfärber, sind's a rechter Weinkenner auch?", spottet der Monaco Franze daraufhin, "gut, dass Sie dabei sind, weil alleine hätten wir Banausen uns an rechten Sauerampfer bestellt."

Als Sauerampfer haben Weinkenner über viele Jahre Rosé abgetan, weil er manchmal aus Weiß- und Rotwein zusammengekippt wurde, was zumindest in der EU verboten ist. Er entsteht tatsächlich eher als Nebenprodukt, indem man - für echte Weinkenner sehr grob ausgedrückt - Rotweintrauben so behandelt, als würde man Weißwein herstellen. Entweder wird der Rosé also bei der Rotweinherstellung abgezapft, bevor er richtig rot werden kann - allerdings auch, ohne das volle Aroma der Schale anzunehmen. Oder er wird gleich bewusst von der Schale getrennt, um Rosé herzustellen, was immer häufiger vorkommt, denn weltweit stieg der Absatz alleine von 2014 bis 2018 um 40 Prozent.

In Deutschland wurden im Covid- und Konsum-Rekord-Jahr 2020 etwa sechs Prozent mehr Wein verkauft, der Anteil von Rosé stieg dabei auf zwölf Prozent. Mittlerweile ist er auch nicht mehr immer günstig, sondern wird auf der nach oben offenen Weinkennerkreditkartenskala wie Weißwein gehandelt. Für die Hersteller ist Rosé sowieso ein gutes Geschäft. Er ist einfacher herzustellen und muss vor dem Verkauf nicht so lange lagern wie guter Rotwein. Und nun, wo der Sommer endlich kommen soll, startet auch wieder die Rosé-Saison.

Flüssiger Sommer

Dabei gilt Rosé geschmacklich als das Bier unter den Weinen. Erfrischend, stark im Geschmack, aber nicht sehr fein im Aroma. Für die Weinprobe unter Experten oder als Begleitung zum Degustationsmenü, dem privatwissenschaftlichen Bereich also, eignet er sich nicht besonders. Er bietet dafür andere Vorteile, die man eher im Lifestyle-Bereich verorten kann. Zuerst wäre da natürlich die Farbe, die in vielen Nuancen angeboten wird, je nach Herstellung. Sie macht gute Laune und passt ausgezeichnet zu Abendessen im Freien, offenen Schuhen und Sonnenuntergängen, weswegen Rosé vielen Menschen mittlerweile als flüssiger Sommer gilt.

Man trinkt ihn am besten eiskalt, denn wenn er nicht kühl serviert wird, schmeckt er schnell nicht mehr, ähnlich wie Diät-Cola. Man kann zur Not auch ein paar Eiswürfel reinwerfen, das würde einem bei Rotwein eher nicht einfallen. Rosé passt zu Fisch und zu Fleisch gleichermaßen gut, oder eben gar nicht, wenn man daran festhalten möchte, dass es im Grunde Wein für Menschen ist, die sich nicht für Wein interessieren. Man kann ihn also auch als Statement trinken, wenn man demonstrieren will, dass man eher Monaco Franze als Doktor Schönfärber zuneigt.

© SZ/mikö
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