Waffengewalt in den USA "Die NRA betrügt die Leute"

Hat ein Tattoo, das den zweiten Verfassungszusatz preist, ist aber trotzdem auf der Seite der Parkland-Schüler: Scott Pappalardo.

(Foto: Sceenshot Youtube; Bearbeitung SZ)

Scott Pappalardo hat nach dem Amoklauf an einer Schule sein Sturmgewehr zersägt - das Video ging um die Welt. Am Samstag demonstriert er mit den Parkland-Schülern für strengere Gesetze. Und bleibt trotzdem Waffenfan.

Interview von Thorsten Denkler, New York

Drei Tage nach dem Massaker von Parkland, bei dem ein Teenager in einer Schule 17 Menschen tötete, stellt Scott Pappalardo eine Videokamera auf seiner Gartenterrasse in New York State auf, legt sich sein halbautomatisches Gewehr vom Typ AR-15 auf den Schoß, und erklärt, warum er diese Waffe gleich in zwei Teile zersägen wird. Das Video geht um die Welt. Pappalardo hat damit die #oneless-Bewegung ausgelöst, viele Menschen folgen ihm und zerstören ihre Waffe oder geben sie an die Behörden. Er unterstützt die Schüler von Parkland und ihre Mitstreiter, die am Samstag zu Tausenden in Washington für ein schärferes Waffenrecht demonstrieren werden. Und doch verteidigt er weiter sein Recht, Waffen zu besitzen.

SZ.de: Herr Pappalardo, wie ist es Ihnen ergangen, seit Sie das Video gepostet haben?

Scott Pappalardo: Ich habe das Video ja nur für meine Handvoll Facebook-Freunde aufgenommen. Die haben sehr positiv darauf reagiert. Aber dann haben einige von ihnen es weiterverbreitet und plötzlich war das eine ganz andere Geschichte. Ich bin zunächst etwas in Panik geraten. Alles in allem habe ich aber großartige Reaktionen aus der ganzen Welt bekommen. Ich habe aber auch viele Hass-Nachrichten erhalten. Aber die Unterstützung überwiegt.

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Ihre Aktion hat die Bewegung #oneless ausgelöst, eine Waffe weniger. Sie gelten quasi als ihr Vater. Wie gehen Sie damit um?

Ich weiß nicht. Aber ich freue mich, dass sich so viele Menschen meine Botschaft so zu Herzen nehmen. Und jede Waffe weniger ist ein Schritt in die richtige Richtung. Meine anderen Waffen werde ich aber behalten. Sie sind vor allem für die Jagd ausgelegt. Man kann damit kein Massaker anrichten, wie mit einer AR-15.

Wie reagiert Ihre Familie auf das alles?

Sie verstehen, warum ich das mache. Sie sind aber nicht unbedingt mit allem einverstanden, was ich sage. Sie glauben zum Beispiel nicht, dass die Massaker unbedingt etwas mit der Verfügbarkeit von Waffen zu tun haben. Sondern allein mit den Menschen, die die Waffen benutzen. Ich sage nicht, dass das nicht stimmt. Menschen mit Problemen gibt es auf der ganzen Welt. Aber dass sie gleichzeitig Zugang zu solchen Waffen haben, wie es in den USA der Fall ist, das sollte nicht sein.

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Was genau hat Sie nach Parkland bewegt, Ihre AR-15 zu zersägen?

Ich gehörte immer zu denen, die nach jedem Massaker ihr Recht verteidigt haben, Waffen zu besitzen. Auch die AR-15. Aber über die Jahre hat sich etwas verändert. Schon Sandy Hook hat etwas ausgelöst.

Sie meinen den Amoklauf im Jahr 2012, bei dem der Täter in einer Grundschule in Connecticut 20 Kinder erschossen hat.

Ja. Kurz zuvor ist meine drei Jahre alte Nichte an einer schweren Krankheit gestorben. Ich hatte also eine Ahnung, was es für eine Familie bedeutet, ein Kind zu verlieren. Immer wieder gab es danach Vorfälle wie in Connecticut. Und jetzt in Parkland sind die Kinder alt genug, um selbst zu artikulieren, was sie erlebt haben. Das hat mich tief berührt. Die Parkland-Schüler haben meine Sicht auf die Dinge verändert.

Sie werden am Samstag am "Marsch für unsere Leben" in Washington teilnehmen, den die Parkland-Schüler organisiert haben. Aber Sie verteidigen immer noch das Recht auf Waffenbesitz, oder?

Ja, ich bin ein leidenschaftlicher Unterstützer des zweiten Verfassungszusatzes, der uns das Recht auf Waffen garantiert. Ich habe sogar ein entsprechendes Tattoo auf meinen Arm tätowieren lassen. Ich war mehr als 20 Jahre Mitglied der NRA. Aber nach Parkland ist mir klar geworden, dass ich mein Recht, eine Waffe wie die AR-15 zu besitzen, nicht über das Leben anderer Menschen stellen kann. Wir brauchen neue Regeln. Wir könnten etwa die Feuerkraft der frei verkäuflichen Waffen begrenzen. Und gleichzeitig unser Recht wahren, Waffen zu tragen.

Warum sind Sie aus der NRA ausgetreten?

Es ergab damals einfach keinen Sinn mehr für mich. Wäre ich allerdings zum Zeitpunkt des Parkland-Amoklaufs noch Mitglied gewesen, ich wäre sofort ausgetreten. Die NRA betrügt die Leute. Sie predigt Hass. Sie benutzt den zweiten Verfassungszusatz, um Geld zu machen. Um mehr geht es nicht.

Welche Reaktionen kamen aus der NRA-Gemeinschaft, nachdem Ihr Video viral ging?

Interessanterweise wollten mich viele verhaften lassen.

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Weil Sie Ihre Waffe zersägt haben?

Ich habe zunächst nur den Lauf abgesägt. Sie war dann aber immer noch feuerbereit. Das hat aus der legalen Waffe eine illegale gemacht. Ich habe das Gewehr dann noch mal an der richtigen Stelle zersägt, quer durch die Patronenkammer. Jetzt sind es drei Teile - und die AR-15 ist unbrauchbar.

Was bedeutet es für Sie, Waffen zu besitzen?

Ich habe meine erste Waffe gekauft, da bin ich gerade 18 geworden. Mein Vater war ein Fan von Western-Filmen. John Wayne, solche Streifen. Mein Vater hatte auch Waffen. Waffen waren immer irgendwie präsent im Haus. Es braucht ein paar Fähigkeiten und Talente, um richtig mit einer Waffe umgehen zu können. Ich habe nie eine Waffe gekauft mit dem Hintergedanken, ich müsste damit einmal mein eigenes Haus verteidigen. Ich bin auch kein Jäger. Es macht einfach nur Spaß, gelegentlich am Schießstand herumzuballern.

War das auch so, als Sie Ihre AR-15 gekauft haben?

Die habe ich auch mit 18 gekauft. Sie war, glaube ich, meine dritte Waffe. Für mich war das damals die ultimative Waffe. Ich wollte sie unbedingt haben. Das war ein Bad-Ass-Teil. Sie stand für Militär, tauchte ständig in Filmen auf. Und ganz ehrlich, es macht irre Spaß, damit zu schießen. Aber heute ist mir klar: Das kann nicht wichtiger sein als das, wozu diese Waffe auch in der Lage ist. Was die AR-15 heute repräsentiert, ist nicht mehr Spaß, sondern Tod und Zerstörung.

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