Havarie der "Viking Sky" Wenn die Traumreise zum Horrortrip wird

  • Bei einem Sturm vor der norwegischen Küste gerät das Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" mit 1373 Menschen an Bord in Seenot. Alle Motoren fallen aus.
  • Die ganze Nacht sind Rettungskräfte mit Hubschraubern im Einsatz, um Passagiere von dem havarierten Schiff zu retten.
  • Am Sonntagnachmittag legt die "Viking Sky" dann endlich in einem norwegischen Hafen an; da läuft bereits Debatte, ob die Reederei unverantwortlich gehandelt hat.
Von Kai Strittmatter

Die Nordlicht-Tour ist eines der Highlights im Programm der norwegischen Kreuzfahrtreederei "Viking". "Erleben Sie, was nur wenige andere jemals erleben", wirbt die Firma für die Kreuzfahrt. Die Viking Sky, ein hochmodernes Schiff, das 2017 erstmals in See stach, hatte am Samstag den Großteil der Reise schon wieder hinter sich. Die 915 Passagiere an Bord, zumeist Amerikaner und Engländer, hatten sich schon von Schlittenhunden durch arktische Winterlandschaft ziehen lassen und die Nordlichter tanzen sehen. Nun waren sie wieder unterwegs nach Südnorwegen. "Während Sie die malerische Küste Norwegens entlangfahren", empfiehlt die Reederei auf ihrer Webseite für diesen Teil der Reise, "genießen Sie die nordisch inspirierten Annehmlichkeiten des Schiffes. Gönnen Sie sich zum Beispiel eine traditionelle norwegische Waffel."

Es kam alles ganz anders. Das 228 Meter lange Schiff fuhr in einen gewaltigen Sturm. Der Wind blies 38 Knoten stark, fast 70 Stundenkilometer. Die Wellen türmten sich acht, neun Meter hoch. Und um zwei Uhr nachmittags wurden die ohnehin schon unruhigen Passagiere von den Alarmsirenen aufgeschreckt. Die Maschinen waren ausgefallen, alle. Das Schiff trieb nun unkontrolliert im aufgepeitschten Meer Richtung Küste. Ausgerechnet in der Gegend von Hustadvika, einem der für Schiffe gefährlichsten Flecken des norwegischen Meeres: Hier gibt es Untiefen und Riffe, bei schönem Wetter tauchen hier Sporttaucher zu den Wracks, die schon am Meeresgrund liegen.

Schiffsunglück "Ich musste an die Titanic denken. Ich dachte, das wäre das Ende" Bilder

Havarie der "Viking Sky"

"Ich musste an die Titanic denken. Ich dachte, das wäre das Ende"

An Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffs vor der norwegischen Küste spielen sich dramatische Szenen ab. Erst 24 Stunden nach dem Notruf erreicht der Kreuzer einen sicheren Hafen.

Das Schiff setzte einen Notruf ab. Die 915 Passagiere und 458 Besatzungsmitglieder trieben in Seenot. Im Netz konnte man bald Clips der Passagiere sehen: Stühle, Tische, Topfpflanzen, die von einer Seite des Schiffes auf die andere schlitterten, zersplittertes Glas. "Plötzlich gab ein Fenster nach, eine mehrere Meter hohe Welle wurde zu uns herein gespült", erzählte der Amerikaner Rodney Horgan dem Sender NRK. "Das Wasser riss Tische, Stühle, Gläser und 20 oder 30 Leute vor mir mit. Meine Frau saß direkt vor mir - und plötzlich war sie weg. Ich dachte: Das ist das Ende."

"Sie hatten mehr Glück als Verstand."

Dramatische Minuten begannen. Die Rettungszentrale alarmierte sämtliche in der Gegend verfügbaren Hubschrauber und Schiffe, um die Menschen auf der Viking Sky zu evakuieren. An Bord derweil war der Mannschaft klar, dass ihr nicht viel Zeit blieb: ein führerloses Schiff in stürmischer See war schlimm genug - ein Schiff, das auf Grund läuft, wäre eine Katastrophe. Die Mannschaft versuchte immer wieder verzweifelt, die Anker zu setzen. Es dauerte 30 lange Minuten, bis die Anker schließlich Grund fassten und das Schiff zu einem Halt brachten. Da war die Viking Sky gerade mal 100 Meter von der nächsten Untiefe entfernt. Hustadvika sei ein "Schiffsfriedhof", zitierte die Zeitung VG den Skipper Olav Magne Strømsholm, der in der Gegend ein Tauchzentrum betreibt. "Sie hatten mehr Glück als Verstand." Ganz knapp sei das gewesen, sagte auch Emil Heggelund von den lokalen Behörden dem Sender NRK. "Das hätte auch anders ausgehen können."

Tatsächlich war die Evakuierung dann noch einmal ein Abenteuer für sich. Der hohen Wellen wegen gab es nur einen Weg, die Passagiere von Bord zu bekommen: per Helikopter. Retter ließen sich an einer Winde vom Hubschrauber herunter und holten einen Passagier nach dem anderen hoch. Bange Sekunden baumelten die dann im Sturm an einem Seil unter dem Helikopter. Das brauchte Zeit, viel Zeit: Fünf Hubschrauber flogen die Einsätze, jeder von ihnen kann aber nicht mehr als zehn bis 15 Menschen an Bord nehmen.

Die Piloten und Retter arbeiteten die ganze Nacht durch, bis Sonntagmittag hatten sie so mehr als 460 Menschen an Land gebracht, dann konnte das Schiff wieder aus eigener Kraft fahren - sicher in den Hafen der Stadt Molde. 17 Menschen wurden mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Gerettete wie die Amerikanerin Janet Jacob sagten dem Sender NRK, sie hätten "die schrecklichsten Stunden" ihres Lebens erlebt: "Der Wind blies wie ein Tornado."

Für die Ruhe und Professionalität der Retter hatten die Passagiere am Sonntag nur lobende Worte übrig. Am Sonntag begann aber auch schon die Debatte darüber, ob die Reederei ein zu großes Risiko eingegangen war. Die Zeitung Aftenposten verwies auf die Konkurrenz-Reederei Hurtigruten, deren Schiff eigentlich dieselbe Route über Hustadvika Richtung Bergen hätte nehmen sollen. Nachdem der Wetterbericht dann für Samstag eine Sturmwarnung ausgegeben hätte, entschied Hurtigruten anders als Viking, sein Schiff in Trondheim im Hafen zu lassen.

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