Verseuchtes Wasser Zwei Wasserproben sollen beseitigt worden sein

Die Umweltbehörde verkündet im Juli, eine eigene Untersuchung habe keine Auffälligkeiten gezeigt, die Werte hätten sich sogar verbessert. "Jeder, der sich Sorgen macht, kann sich entspannen", sagt ein Sprecher damals. Später stellt sich heraus, dass die Tests nicht sachgemäß durchgeführt wurden und zudem zwei Proben möglicherweise unter einem Vorwand beseitigt wurden (die Behörde bestreitet das).

Doch nicht nur der Bundesstaat Michigan verharmlost. Schon im Februar warnt ein Mitarbeiter der Bundesbehörde Environmental Protection Agency (EPA) intern vor Problemen im Trinkwasser. Im Juni schreibt er einen ausführlichen Bericht. Seine Vorgesetzten beschließen, ihn zu ignorieren und der Behörde vor Ort zu vertrauen.

Im August 2015 stellt die in Flint praktizierende Ärztin Mona Hanna-Attisha erhöhte Bleiwerte im Blut einiger Kinder fest, nachdem deren Eltern in der Praxis von Haarausfall und Ausschlag berichtet hatten. In einer nachfolgenden Untersuchung von 700 Kindern zeigt sich, dass fünf Prozent einen erhöhten Bleianteil im Blut haben, das ist ein doppelt so hoher Anteil wie zuvor.

Auswärtige Wissenschaftler der Virginia Tech-Universität reisen an und nehmen Proben von mehr als 300 Haushalten. Das erschreckende Resultat: Der Bleigehalt liegt flächendeckend über den verträglichen Werten, in einem Fall sogar drei Mal höher als bei Flüssigkeiten, die in die Kategorie "Giftmüll" fallen. Die Wissenschaftler und eine Gruppe lokaler Ärzte gehen im September an die Öffentlichkeit und fordern, das Wasser aus dem Fluss nicht mehr zu verwenden. Die Behörde für Umweltqualität betont, das Wasser sei in Ordnung.

100 Dollar hätten die Katastrophe verhindert

Kurz darauf schaltet sich Gouverneur Snyder ein und fordert die Stadt auf, in das Wassersystem von Detroit zurückzukehren. In den Wochen danach kommt die Wahrheit ans Licht: Das aggressive Flusswasser hat die beinahe ein Jahrhundert alten Bleirohre der Stadt angegriffen und so das Metall freigesetzt. Zudem verstießen die Verantwortlichen gegen staatliche Umweltauflagen, weil sie auf Anti-Rost-Chemikalien verzichteten - offenbar auf Rat der Umweltbehörde. Die Maßnahme hätte 100 Dollar pro Tag gekostet und die Katastrophe verhindert.

Nun muss Flint womöglich sein komplettes Abwassersystem für geschätzte 1,5 Milliarden Dollar erneuern. Inzwischen ist die Wasserversorgung wieder an Detroit angeschlossen, allerdings ist das Wasser nur für Körperwäsche und noch nicht zum Trinken freigegeben. Die Nationalgarde verteilt seit einigen Wochen Trinkwasser in Plastikflaschen, nachdem der Notstand ausgerufen wurde.

Der Bürgermeister von Flint verlor im Zuge der Kontroverse im November die Wahl. Der Chef der Umweltbehörde von Michigan ist inzwischen zurückgetreten. Die Bundesbehörde EPA hat eine Untersuchung der Vorfälle angekündigt. US-Präsident Obama hat sich mit Flints neuer Bürgermeisterin getroffen und finanzielle Hilfe freigegeben. Gouverneur Rick Snyder entschuldigte sich in dieser Woche. "Die Regierung hat euch im Stich gelassen - Politiker auf Bundes-, Staaten- und Kommunal-Ebene - weil wir das Vertrauen gebrochen haben, dass ihr in uns gesetzt habt." Auf Rücktrittsforderungen reagierte er mit der Veröffentlichung seiner E-Mails aus den Jahren 2014 und 2015.

Nachdem die Bevölkerung anderthalb Jahre vergiftetes Wasser konsumierte, ist das Vertrauen in die Institutionen auf dem Tiefpunkt. Keine Kontrollinstanz deckte den Behördenpfusch auf, keine Aufseher waren zur Stelle. Wie soll man da glauben, dass die verteilten Wasserfilter helfen? "Sie haben ihr Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung verloren, ihnen zu helfen", erzählte der Sheriff von Flint dem Sender NBC. "Und es ist schwer zu sagen: 'Du hast Unrecht.'"

"Du bezahlst für Gift. Ich zahle für Wasser, das Giftmüll ist", sagte die Bewohnerin Rhonda Kelso dem Sender ABC. Sie hat mit einigen anderen eine Sammelklage eingereicht. Die Katastrophe von Flint ist noch lange nicht zu Ende: Die Langzeitschäden, die Blei im Körper anrichten, lassen sich erst nach einem Jahrzehnt feststellen.

Linktipps: