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Verschärftes Waffenrecht:Legen Sie die Waffe weg!

Großer Andrang: Viele Deutsche wollen nach der Verschärfung des Waffenrechts ihre Gewehre und Pistolen abgeben - und überfordern so die Behörden.

Astrid Bischof

Ein Raum von 16 Quadratmetern ist bis an die Decke voll mit Waffen. 20 bis 30 Mal am Tag kommen in diesen Tagen Leute, die noch mehr Waffen abgeben wollen. So beschreibt es Leo Westkamp, Kreisverwaltungsdirektor der Polizei in Lippe (Nordrhein-Westfalen). Die Polizei habe natürlich noch Platz für die Waffen, die die Bürger wegen der Verschärfung des Waffenrechts nach dem Amoklauf von Winnenden abgeben wollten. Die Leute sollen aber bitte erst im nächsten Jahr wiederkommen.

In den Depots der Polizeidienststellen und des Bundeskriminalamts in Wiesbaden häufen sich nach der Verschärfung des Waffenrechts die Pistolen, Revolver und Gewehre.

(Foto: Foto: APD)

Das Problem ist das Personal. "Auch wir sind an und zwischen den Feiertagen nicht voll besetzt", sagt Westkamp. Darum bitte die Polizei im Kreis Lippe die Leute, ihre Schußwaffen erst nach den Feiertagen zu bringen. Weil zu viele Einwohner die auslaufende Amnestie zur Abgabe ihrer registrierten und auch nicht-registrierten Schusswaffen nutzen, hat die Kreispolizei einen Annahmestopp verhängt. So soll es - laut Westkamp - auch in anderen Gegenden Deutschlands sein. Amnestie bedeutet bei der Polizei in Lippe: Eine Liste, der schwarzen Schafe wird nicht geführt, so dass die Leute, die vor oder nach den Feiertagen nicht-registrierte Waffen abgeben, nicht damit rechnen müssen, verschärft kontrolliert zu werden. Das versichert der Kreisverwaltungsdirektor.

Aber: Das nach dem Amoklauf von Winnenden vom Bundestag beschlossene schärfere Waffenrecht erlaubt eigentlich nur bis zum Jahresende die kostenlose und straffreie Rückgabe illegal besessener Waffen bei der Polizei. Illegal heißt in diesem Fall, dass der Besitzer zwar durchaus eine Waffenbesitzkarte, aber keinen Waffenschrank hat.

"Der Markt für Waffen ist tot"

Die Polizei in Lippe hat in den vergangenen Monaten alle 7000 Bürger, die Waffenkarten besitzen und somit registriert sind, angeschrieben. Sie müssen jetzt nachweisen, dass sie ihre Schusswaffen sicher in einem Waffenschrank verwahren - mittels Kaufbeleg oder einem Foto von dem Zertifikat, das im Inneren des Schranks angebracht ist.

"Wir sind froh, dass Waffen aus dem Verkehr gezogen werden, auch wenn wir die Frist jetzt nicht einhalten können", sagt Westkamp. "Die Leute könnten ja immerhin auch versuchen, sie zu veräußern, auch wenn der Markt gerade tot ist."

Auf die Frage, was mit einer derart großen Menge an Waffen passiere, die sich in den Polizeidienststellen in der Region anhäufen, lacht Westkamp kurz auf. "Die werden natürlich zentral und für den Bürger kostenlos vernichtet."

Im Jahr 2008 wurden im Kreis Lippe nur 300 Waffen abgegeben, in diesem Jahr waren es bereits mehr als 3000 Pistolen, Revolver und Gewehre. Das hängt nicht damit zusammen, dass dort so viele Straftaten passieren. "In ländlichen Gebieten gehen viele Leute auf die Jagd, außerdem sind viele Leute in Schützenvereinen organisiert", erklärt Westkamp. "In den meisten Fällen handelt es sich bei nicht-registrierten Waffen oder Waffen, die nicht in Waffenschränken sind, um unbewusste Illegalität. Jetzt kommen vor allem ältere Leute, die seit dem Krieg oder aus den vergangenen Jahrzehnten irgendwo ein Gewehr oder eine Pistole rumliegen hatten."

120.000 Abgaben bei der Polizei

Die Verlängerung der Amnestie gilt nicht in allen Bundesländern: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat die Besitzer illegaler Waffen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie diese bis Silvester abgeben müssen: "Sichern Sie sich Straffreiheit und geben Sie Ihre Waffe ab", ließ er verlauten. In Bayern wurden bisher in diesem Jahr etwa 23.000 legale und illegale Schuss-, Hieb- und Stichwaffen abgegeben, in Baden-Württemberg 57.000. In Nordrhein-Westfalen waren es mehr als 20.000.

Im Bundesgebiet sollen seit dem Amoklauf von Winnenden insgesamt etwa 120.000 Waffen abgegeben worden sein, darunter mehr als 10.000 illegale.

Wer nach Ende der Amnestie am 1. Januar 2010 noch eine illegale Waffe besitzt, muss laut Gesetz mit Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren rechnen.

© sueddeutsche.de/dpa/abis/fvk/dmo
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