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Vermeintliche Spinnen-Plage:Briten fürchten sich vor achtbeiniger Apokalypse

Aggressive Giftspinnen, die sich in einer Schule einnisten - das klingt wie der Plot eines schlechten Horrorfilms. Doch in der englischen Kleinstadt Lydney soll genau das passiert sein. Und auch andernorts sei die "falsche Witwe" auf dem Vormarsch.

So manches Phänomen der neunziger Jahre ist spätestens in der Rückschau gruselig. Auch der Film "Arachnophobia" aus dem Jahr 1990 verdient dieses Adjektiv, und das nicht nur von Spinnenphobikern. Der Plot: Forscher-Team entdeckt in Südamerika bislang unbekannte, hochgiftige und aggressive Spinnenart - geschrumpftes Forscher-Team (die Spinne war's natürlich) schleppt eben jenes tödliche Tierchen unbemerkt in die USA ein - dort paart es sich mit einer einheimischen Art - heraus kommt eine meuchelnde Superspinne, die Jagd auf Menschen macht.

Horror-Humbug, werden Sie jetzt sagen, ab damit ins Trash-Archiv zu all den anderen Scheußlichkeiten dieses Jahrzehnts. Doch damit wäre dem Film womöglich Unrecht getan - denn 23 Jahre später scheint die Fiktion plötzlich Realität zu werden. Das Städtchen Lydney in der Grafschaft Gloucestershire im Westen Englands soll von der gefährlichsten Spinne des Landes eingenommen worden sein: der "false widow".

Die Dean Academy, eine örtliche Schule, musste wegen der falschen Witwe bereits geschlossen werden. Am Montagnachmittag seien die ersten Tiere in den Computer-Räumen entdeckt worden, berichtet der Guardian. Daraufhin sei dieser Gebäudeteil am Dienstag gesperrt worden, um ihn - beziehungsweise die tierischen Eindringlinge - auszuräuchern. Als dann auch an anderer Stelle in der Schule die eigentlich scheuen Spinnen gesichtet wurden, habe es keine andere Möglichkeit mehr gegeben, als die Dean Academy dichtzumachen.

False widow

Sind die Spinnen los in Großbritannien - oder spinnen doch eher die Briten? (Im Bild: eine Steatoda nobilis)

(Foto: Alvesgaspar/CC-by-sa-3.0)

Spinnensichtungen und Angriff der Arachniden

Doch damit ist die Gefahr kaum gebannt, die falsche Witwe ist längst auf dem Vormarsch - so scheint es zumindest. Immer wieder hatte die britische Boulevardpresse in den vergangenen Wochen von Spinnensichtungen und Angriffen der Arachniden berichtet.

Ende September meldete der Independent, in der Grafschaft Essex an der englischen Ostküste seien vermehrt Exemplare der "false widow" entdeckt worden. Am 17. Oktober titelte der Daily Star dann mit dem Fall eines vierjährigen Mädchens aus der Grafschaft Shropshire, das von den Spinnen "angegriffen" worden sei. (Schlagzeile: "Killer spiders attacked my little girl"). Weitere mutmaßliche Spinnenbiss-Opfer: ein 22-jähriger Amateur-Fußballer aus Devon (nicht in die Beine, thank God!) und ein 66-Jähriger aus Kent, der bereits im vergangenen Jahr gebissen worden sein soll (ein Jahr konnte sie sich also ungestört ausbreiten, dear God!).

Falsche Witwen haben einen braunen, kugelförmigen Körper mit heller Markierung auf dem Rücken und orangefarbene Beine; sie können - ohne Beine - bis zu anderthalb Zentimeter groß werden. Normalerweise sind die Folgen eines Bisses der Steatoda nobilis - so die lateinische Bezeichnung der zu den Fettspinnen zählenden Art, die im Englischen sogar noble false widow genannt wird - wenig dramatisch. Schmerzen und Schwellung sind in etwa mit einem Wespen- oder Bienen-Stich vergleichbar. Gefährlich kann es allerdings für Allergiker werden - und für Kinder. "Im schlimmsten Fall könnte ein Biss zum Tod führen", so Arachnologin Julia Altmann vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt. Ein solch extremer Ausgang ist in Großbritannien allerdings nicht dokumentiert.

Die Spinnen, die ursprünglich in Südwesteuropa und auf den Kanaren heimisch waren und Ende des 19. Jahrhunderts nach Großbritannien eingeschleppt wurden, können also potenziell gefährlich sein. Aber steht der Insel deshalb gleich eine "achtbeinige Apokalypse" bevor?

Seriöse britische Medien wie der Guardian zitieren Spinnen-Experten und versuchen, die von der Yellow Press geschürte Panik aufzulösen. Demnach haben sich die Spinnen nicht explosionsartig vermehrt. Vielmehr ist ihre Population in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen, vermutlich aufgrund des Klimawandels. Momentan sind sie für Menschen besonders sichtbar, weil Paarungszeit ist und sie das kühlere Wetter nach drinnen treibt.

Auch die deutsche Wissenschaftlerin Julia Altmann hält Berichte einer Massenverbreitung für "blanke Hysterie". "Spinnen sind von ihrer Art her Einzelgänger. Sie kommen nicht in Gruppen vor." Treffe man an einem Ort auf mehr als eine Spinne, handle es sich in der Regel um ein Muttertier mit ihrem Nachwuchs. Bei der falschen Witwe beißen nur die Weibchen. Diese greifen laut Experten aber nur in Bedrohungssituationen an, beispielsweise wenn sie sich in Kleidung verfangen haben.

Sollte es beim Anziehen zum Schlimmsten kommen, rät der Guardian seinen Landsleuten zu Gelassenheit. Angemessen sei ein Ausruf des Schmerzes wie "Aua". Unangemessen dagegen eine Reaktion wie: "This is a story with legs." Was frei übersetzt so viel heißt wie: Diese Geschichte muss erzählt werden.

Dann doch lieber mal wieder einen richtigen Horrorfilm schauen.