Waffengewalt in den USA "Es gilt, diese neun Minuten zu überleben"

Amoklauf-Verhaltenstrainings haben überall in den USA großen Zulauf. Hier die Simulation einer Massenschießerei in Commerce City, Colorado.

(Foto: AFP)
  • Die Angst der Amerikaner um ihre Sicherheit wird seit Jahren immer größer - unter anderem wegen der vielen Amokläufe, die in trauriger Regelmäßigkeit Schlagzeilen machen.
  • Laut einer jüngsten Umfrage machen sich 60 Prozent der Amerikaner "sehr große" Sorgen um ihre Sicherheit.
  • Als Folge ihrer Angst vor Waffengewalt kaufen viele Amerikaner noch mehr Schusswaffen. Geschätzte 270 bis 310 Millionen Waffen sind im Besitz von US-Amerikanern.
Von Beate Wild, Austin

Mit entschlossenen Schritten läuft der Mann durch die Stuhlreihen. Er zielt direkt auf die Köpfe der Sitzenden. Bäm, bäm. Die vor Entsetzen aufgerissenen Augen, die ihn anstarren, interessieren ihn nicht. Bäm, bäm. Doch sterben muss hier niemand: Officer Josh Visi vom Austin Police Department ist kein Amokläufer und er hat auch keine Waffe in der Hand. Bei einem "Active Shooter"-Training demonstriert er, wie eiskalt sich ein Schütze seinen Weg bei einem Blutbad freischießt. "Sein Fokus liegt auf dem Töten. Er will nicht zuhören. Ihm ist egal, wer du bist", ruft er. Bäm, bäm.

Zu der Übung in einer Turnhalle im Süden von Austin, Texas, sind etwa 80 Menschen gekommen. Sie wollen lernen, wie sie sich im Fall einer Amoklaufs verhalten sollen. Zu den neuen Aufgaben der örtlichen Polizei gehört es, die Bürger auf den Ernstfall vorzubereiten. Neun Minuten dauert ein Amoklauf im Durchschnitt. "Es gilt, diese neun Minuten zu überleben", sagt Visi. Die Schulung ist auf Monate hin ausgebucht.

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"Heutzutage muss man vorbereitet sein, man kann ja jederzeit in eine Schießerei geraten", sagt Margaret Rosner. Die Mittfünfzigerin geht schon lange nicht mehr auf Massenveranstaltungen, erzählt sie. Zu viele Leute, zu unübersichtlich, zu groß die Angst, ein Wahnsinniger könnte in die Menge feuern. "Fast jeder hier läuft mit einer Waffe durch die Gegend", sagt sie. Sie senkt ihre Stimme. "Das ist die Realität, in der wir leben."

Die Angst der Amerikaner um ihre Sicherheit wird seit Jahren immer größer. In der jüngsten Gallup-Umfrage war das Angstlevel auf dem höchsten Stand seit dem 11. September 2001. 60 Prozent der Amerikaner machen sich "sehr große" Sorgen. Sie glauben, es gebe mehr Verbrechen als "früher". Dabei sagt die Kriminalitätsstatistik das Gegenteil. Das FBI verzeichnet einen Rückgang schwerer Gewaltverbrechen um 48 Prozent zwischen 1993 und 2016, das Justizministerium sogar um 74 Prozent. Zwar sind die Zahlen in den vergangenen beiden Jahren wieder gestiegen. Dennoch beruht das Angstgefühl weniger auf Fakten, sondern überwiegend auf subjektiver Wahrnehmung.

Das hat auch mit den Amokläufen zu tun, die in den USA in trauriger Regelmäßigkeit Schlagzeilen machen. Erst Ende August dieses Jahres erschoss in Jacksonville in Florida ein Teilnehmer eines Videospiel-Wettbewerbs zwei Menschen und verletzte elf weitere, bevor er sich selbst das Leben nahm. In Erinnerung bleiben auch die 49 Toten aus dem Nachtclub in Orlando (Juni 2016), die 58 getöteten Festivalbesucher in Las Vegas (Oktober 2017), die 26 Kirchgänger einer Sonntagsmesse in Texas (November 2017) oder die 17 Schüler der Parkland-Highschool in Florida (März 2018).

In den USA ist die Zahl der Menschen, die durch Schusswaffen sterben, ohne Frage sehr hoch. Doch die wenigstens kommen bei Amokläufen ums Leben. 2017 wurden in den USA 117 Menschen bei Amokläufen getötet. Demgegenüber stehen 15 637 Tote bei anderen Schießereien, etwa bei Überfällen, Familienstreitigkeiten, Bandengewalt, durch Polizisten oder bei versehentlich abgefeuerten Schüssen. 22 000 Amerikaner begingen mit einer Schusswaffe Suizid.

Das Gegenmittel gegen die Waffengewalt, das viele Amerikaner wählen, trägt nicht gerade zur Sicherheit bei: Sie kaufen noch mehr Waffen. Angst vor anderen Menschen ist der Hauptgrund für den Erwerb einer Schusswaffe, nicht mehr die Jagd wie früher. Zwei Drittel der Befragten geben in einer Studie des Pew Research Center an, sie zu ihrem Schutz zu brauchen. Drei von vier Waffenbesitzern bezeichnen den Besitz als "essenziell" für ihre Freiheit.

"In der Zeit, in der wir hier sind, kann jemand daheim mit einer Youtube-Anleitung eine Bombe basteln"

Eine gemeinsame Studie der Harvard- und Northeastern-Universität rechnet hoch, dass sich 265 Millionen Handfeuerwaffen in Privathaushalten befinden. Das Pew Research Center schätzt die Zahl der US-Waffen sogar auf 270 bis 310 Millionen. "Das Einzige, was einen schlechten Kerl mit einer Waffe stoppt, ist ein guter Kerl mit einer Waffe", lautet ein Werbespruch der Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Das Geschäft mit der Angst, es funktioniert. Neuerdings werden sogar kugelsichere Schulranzen verkauft, damit die Kinder sie bei einer Schießerei als Schutzschild benutzen können.

"Wissen Sie, wo in Ihrem Supermarkt die Notausgänge sind? Schauen Sie sich im Kino um, bevor der Film anfängt, wohin Sie im Notfall flüchten müssen? Setzen Sie sich im Restaurant mit Blick zur Tür und in die Nähe des Ausgangs?", fragt Polizistin Rosie Perez beim "Active Shooter"-Training in Austin mit strengem Blick. Die Teilnehmer blicken voller Unbehagen zurück. "In der Zeit, in der wir hier sind, kann jemand daheim mit einer Youtube-Anleitung eine Bombe basteln", erklärt Perez. Tausende Gründe gebe es, warum einer beschließe, sich eine Waffe zu schnappen und wahllos Menschen zu töten. "Unsere Freiheit macht uns zu weichen Zielen", sagt sie. Hinter ihrem Rücken jagen Bilder von echten Attentätern und echten Tatorten über die Leinwand.

Wer in den USA den Fernseher einschaltet, sieht Gewalt in hoher Frequenz. Die vielen Lokalsender berichten mit Vorliebe über Verbrechen in ihren Kommunen. Ein tödlicher Nachbarschaftsstreit, eine Einbruchsserie in einer Wohnsiedlung, die Verhaftung eines Drogendealers - alles wird bis ins letzte Detail ausgeleuchtet. So entsteht bei den Zuschauern der Eindruck, sie müssten stets auf das Schlimmste gefasst sein - auch wenn die reale Bedrohung weit niedriger ist als die gefühlte Gefahr.

Am Ende des Trainings haben die Teilnehmer mehr Fragen als Antworten

Immer auf das Schlimmste gefasst sein, immer darauf vorbereitet sein, schnell zu reagieren: Diese Botschaft vermitteln auch die Polizisten in Austin mit jedem Satz. "Run, Hide, Fight" lautet die Regel für solche Situationen. Erst fliehen. Wenn es keinen Ausweg gibt, verbarrikadieren. Und wenn gar nichts anderes hilft, dann kämpfen. Und nicht mit dem Täter diskutieren. Nicht versuchen, ihn zu überzeugen, dass er einen riesigen Fehler macht. "Er wird dich töten", sagt Polizist Visi und zuckt mit den Schultern. Kein Gerede, lieber verteidigen. Selbst wenn man schon einen Schuss abgekommen hat. "Angeschossen heißt noch lange nicht tot", ruft der Polizist. Dann schnappt er sich einen Klappstuhl, faltet ihn zusammen und hebt ihn über den Kopf, um zu zeigen, wie man effektiv zuschlägt. Nächster Tipp: einen Schlüssel in die Halsschlagader des Täters rammen.

Am Ende des Trainings haben die Teilnehmer mehr Fragen als Antworten. "Was ist, wenn sich ein Täter als Polizist ausgibt?", will einer wissen. "Wenn ich eine Waffe trage, ab wann schieße ich zurück?" "Woher weiß ich, dass der aggressive Typ vor mir in der Kassenschlange kein Wahnsinniger ist, der gleich losballert?" oder "Soll ich den Feueralarm auslösen, wenn mir etwas verdächtig vorkommt?" Es gilt schließlich, stets vorbereitet zu sein.

"Vielleicht", sagt ein Bärtiger beim Hinausgehen zu seiner Begleitung, "wird es doch langsam Zeit, dass wir uns eine Waffe zulegen."

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