USA:Aufstieg und Fall des O. J. Simpson

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Footballikone, Filmstar und Häftling: O. J. Simpson galt erst als Held, dann als Verräter. Bald kommt er aus dem Gefängnis - zurück in die Öffentlichkeit.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich haben am Donnerstag Millionen Amerikaner mal wieder O. J. geguckt. Der Nachrichtensender CNN, der Sportkanal ESPN und das Promiportal TMZ haben die Anhörung des inhaftierten Ex-Footballstars live übertragen, mehrere Dienste haben Live-Updates aufs Handy verschickt.

Die Zuschauer haben mal wieder dieses Grinsen von Orenthal James Simpson gesehen, das die einen als schelmisch bezeichnen und die anderen als selbstgefällig. Eine gemäßigte Bezeichnung dafür gibt es nicht. Sie haben mal wieder einen Ausschnitt aus diesem Leben gesehen, das wohl nur in den Vereinigten Staaten von Amerika möglich ist. Dann hat die Bewährungs-Kommission mitgeteilt, dass O. J. Simpson dieses Leben nach neun Jahren Haft vom 1. Oktober an in Freiheit wird fortsetzen dürfen.

Dieses Leben entfaltet sich seit mehr als 50 Jahren vor den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit. Bei der Anhörung sagte Simpson, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat: "Die Leute kennen mich, seit ich 19 Jahre alt bin." The Juice haben sie ihn als Footballstar genannt, und wenn er als einer der besten Laufspieler der Geschichte mal wieder allen davongelaufen ist, dann haben sie sich zugeraunt: "The Juice is Loose". Der Saft ist aus der Packung, niemand kann ihn einfangen. Simpson wurde als Filmstar ("Die nackte Kanone") und Werbefigur (Hertz) noch berühmter denn als Sportler. Irgendwann galt der Junge aus dem Ghetto von San Francisco als "Bürgermeister von Brentwood" - dieser Stadtteil gehört neben Beverly Hills und Bel Air zu den teuersten von Los Angeles.

Es folgte die Anklage wegen Mordes an seiner ehemaligen Ehefrau Nicole Brown und deren Freund Ronald Goldman. Die wahnwitzige Flucht im weißen Ford Bronco. Dieser Zirkus von einem Strafprozess, bei dem die Geschworenen am Ende gar nicht anders konnten, als Simpson freizusprechen und den Saft mal wieder aus der Packung zu lassen. Dieser Fall ist für Promi-Skandale die größtmögliche Referenz, weil er gesellschaftliche Debatten (Rassismus, Sexismus, Polizeigewalt) enthielt, aufgrund der extensiven Berichterstattung einen Einblick in das Kastensystem amerikanischer Berühmtheiten gewährte und auch ein Hinweis auf das Zeitalter der ungefilterten Immer-und-überall-News war, in dem wir heute leben müssen.

Im Gefängnis sitzt Simpson allerdings wegen eines Raubüberfalls, der natürlich auch mit diesem amerikanischen Leben zu tun hat. Bei der Zivilverhandlung wegen "widerrechtlicher Tötung" wurde er zu einer Zahlung von 33,5 Millionen Dollar verurteilt, der Bundesstaat Kalifornien forderte 1,44 Millionen Dollar an Steuern. Simpson erklärte sich für zahlungsunfähig und flüchtete nach Florida, wo Einkünfte vor Forderungen aus anderen Bundesstaaten sicher sind.

Im September 2007 überfiel er mit Komplizen den Sportandenken-Händler Bruce Fromong in einem Hotelzimmer in Las Vegas - übrigens am gleichen Tag, als das Buch If I Did It: Confessions of the Killer erschien. Simpson schildert darin in Interviews, wie er - rein theoretisch natürlich - die Morde an Brown und Goldman begangen hätte. Wegen des Überfalls wurde er zu einer Haftstrafe von mindestens neun und maximal 33 Jahren verurteilt. Nicht wenige sahen darin einen Ersatz für den Freispruch im Mordprozess.

Simpson hat 50 Jahre lang den Zirkus mitgemacht, den Menschen veranstalten, wenn sie einen erst zum Engel verklären und dann durch die Hölle schicken. Er selbst sieht sich freilich noch immer als Heiliger. Bei der Anhörung sagt er: "Ich habe quasi ein Leben ohne Konflikte geführt." Auf so eine Behauptung muss einer, der seine damalige Ehefrau nachweislich wiederholt verprügelt und womöglich sogar getötet hat, erst einmal kommen. Simpson sah die Mitglieder der Bewährungskommission an, mit einem Lächeln, und stellte sich als "ein guter Mensch" vor, dem das Leben und ein paar böse Buben übel mitgespielt hätten: "Es tut mir leid, dass die Dinge so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind."

"Seien wir doch mal ehrlich: Sie wollen mich doch gar nicht hier haben"

Simpson erklärt sich selbst zum Musterhäftling, seine älteste Tochter Arnelle ("Ich will, dass er nach Hause kommt.") und auch das Opfer Fromong ("Ich wäre der Erste, der ihn aus dem Gefängnis abholt.") sagen für ihn aus. Was Simpson nicht zeigt: Reue. Er verkündet, bei einer Freilassung wieder nach Florida ziehen zu wollen - wahrscheinlich wieder, um sein Vermögen zu schützen. Er sagt, und da sieht dieses Lächeln doch viel mehr selbstgefällig als schelmisch aus: "Seien wir doch mal ehrlich: Sie wollen mich doch gar nicht hier haben."

Am 1. Oktober dürfte O. J. Simpson entlassen werden, die Bewährung endet im September 2022. Sollte er nicht gegen die strengen Auflagen verstoßen, wäre er dann ein freier Mann. "Ich bin Aufmerksamkeit gewöhnt", sagt er bei der Anhörung. Es gibt Leute, also ungefähr alle, die ihn jemals persönlich getroffen haben, die behaupten, er sei süchtig danach. The Juice is Loose, wieder mal. Mögen wir nie wieder von ihm hören.

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