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Urteil im Mordprozess von Pretoria:Oscar Pistorius bleibt gegen Kaution frei

Oscar Pistorius hat sich der fahrlässigen Tötung von Reeva Steenkamp schuldig gemacht. Ob und wie lange er dafür in Haft muss, steht noch nicht fest. Richterin Masipa hat jedoch entschieden: Vorerst bleibt der Athlet ein freier Mann.

  • Das Gericht in Pretoria verkündet sein Urteil: Oscar Pistorius hat sich der fahrlässigen Tötung von Reeva Steenkamp schuldig gemacht.
  • Richterin Masipa gibt dem Antrag des Verteidigers auf Kaution statt - Oscar Pistorius bleibt vorerst frei.
  • Das Strafmaß will Masipa vom 13. Oktober an verkünden. Bei fahrlässiger Tötung liegt es ganz im Ermessen des Gerichts.
  • Pistorius' Onkel Arnold
  • In den Anklagepunkten zwei und drei - illegaler Waffengebrauch - wird Oscar Pistorius einmal frei- und einmal schuldig gesprochen. Des illegalen Waffenbesitzes wird Pistorius für nicht schuldig befunden.

Schuldig der fahrlässigen Tötung

Richterin Thokozile Masipa verkündet das Urteil gegen den Mann, der einst eine südafrikanische Ikone war: Er sei des culpable homicide, der fahrlässigen Tötung, schuldig zu sprechen.

Pistorius' Familie äußert sich

In einem knappen Statement stellt sich Oscar Pistorius' Onkel Arnold der versammelten Presse im Gerichtssaal. Die Familie wolle ihrer Dankbarkeit Ausdruck verleihen, dass Oscar nicht des Mordes für schuldig befunden wurde, sagt Arnold Pistorius. Und weiter: "Es gibt hier keine Sieger." Das Mitgefühl der Familie gelte Reeva Steenkamps Eltern. "Auch wenn es sie nicht zurückbringen kann", sagt Arnold Pistorius. Nur wenige Minuten dauert die improvisierte Pressekonferenz, dann entschuldigt sich der Onkel des Athleten. Bei ihm lebt Pistorius seit der Tat im Februar 2013, dort wird er auch die vier Wochen bis zur Verkündung des Strafmaßes wohnen bleiben.

Die Tat

In der Nacht zum Valentinstag 2013 gab Oscar Pistorius schnell hintereinander vier Schüsse durch die geschlossene Toilettentür in seinem Badezimmer ab und tötete so seine Freundin Reeva Steenkamp. Der Athlet beteuert, sie für einen Einbrecher gehalten und versehentlich erschossen zu haben. Er wurde wegen Mordes angeklagt und wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Pistorius bleibt gegen Kaution frei

Mit dem Urteil ist der Prozess nicht zu Ende. Nach einer kurzen Unterbrechung ging es am Freitagvormittagg um die Frage, ob Pistorius gegen Kaution frei bleibt. Verteidiger Barry Roux ergreift das Wort und betont, dass sein Mandat gegen Kaution frei war, als noch der Mordvorwurf im Raum stand. Staatsanwalt Gerrie Nel hält dagegen: Pistorius habe inzwischen seine Immobilien in Südafrika verkauft und damit weniger, was ihn im Land halte.

Richterin Masipa machte es noch einmal spannend, unterbrach die Verhandlung für die Mittagspause, bevor sie ihre Entscheidung bekanntgab: Dem Antrag auf Kaution werde stattgegeben. Oscar Pistorius bleibt bis zur Verkündung des Strafmaßes ein freier Mann.

Strafmaß ist offen

Auch nach dem Urteil hat das Warten für den 27-jährigen Sportler kein Ende. Das Strafmaß wird Masipa erst in einigen Wochen verkünden - am 13. Oktober soll es im Gauteng High Court weitergehen. Dann werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung die Gelegenheit haben, für ein höheres oder geringeres Strafmaß zu argumentieren. Die Entscheidung über das Strafmaß gleicht einer Art "Mini-Prozess", in dem es um die Persönlichkeit des Verurteilten geht und wie ihn welche Strafe beeinflussen könnte.

Staatsanwaltschaft könnte in Revision gehen

Beobachter im Gericht mutmaßen bereits, dass Anklagevertreter Gerrie Nel in Revision gehen könnte. Dieser Weg steht ihm offen, wenn Richterin Masipa seiner Meinung nach einen Fehler bei der Gesetzesinterpretation gemacht hat - oder, wenn er mit dem Straßmaß nicht einverstanden ist. Mit einem Revisionsantrag wird auch erst nach der Verkündung der Strafe in einigen Wochen gerechnet.

Richterin spricht Pistorius in Anklagepunkten zwei und vier frei, in Punkt drei schuldig

Zunächst widmete sich Richterin Masipa an diesem Freitag nicht der Tötung von Reeva Steenkamp, sondern den anderen Anklagepunkten: illegaler Waffengebrauch in zwei Fällen und illegaler Waffenbesitz. In Punkt zwei - Pistorius soll widerrechtlich durch das Dachfenster eines Wagens in die Luft geschossen haben - spricht Richterin Masipa den 27-Jährigen frei. Im zweiten fraglichen Fall sieht sie den Vorwurf des illegalen Waffengebrauchs jedoch als erwiesen an: Pistorius hatte in einem Restaurant mit der Waffe eines Freundes hantiert, als sich ein Schuss löste. Dieses Delikt habe die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten zweifellos - "beyond reasonable doubt" nachgewiesen, sagt Masipa. In Punkt vier - illegaler Waffenbesitz - wird Pistorius freigesprochen.

Oscar Pistorius wirkt "entspannter"

Als der Angeklagte an diesem Freitag im Gerichtssaal eintraf, berichteten Korrespondenten vor Ort, er wirke positiver als in der Vergangenheit, "entspannter", auf die Fragen eines Journalisten, wie es ihm gehe, antwortete er "sehr gut, Sir". Direkt nach dem Urteil zeigt Pistorius keine große Reaktion, sitzt zusammengesackt auf der Anklagebank. Als die Richterin das Verfahren Momente später für fünf Minuten unterbricht, umarmt der Sportler seine Schwester Aimee.

Dramatische Urteilsverkündung

Anders als in Deutschland steht in Südafrika der eigentliche Schuldspruch in der Regel nicht am Anfang der Urteilsverkündung, sondern am Ende. In ihren Ausführungen ging Richterin Masipa noch einmal die Beweislage durch, würdigte die Version des Angeklagten und die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Ob willentlich oder nicht: Der Aufbau ihres Vortrags schien einem Handbuch für Thriller-Autoren entnommen zu sein.

So schloss sie unmittelbar vor der Mittagspause am Donnerstag murder und premeditated murder - vergleichbar mit vorsätzlichem Totschlag und vorsätzlichem Mord - aus, nur um den Prozess dann sofort zu unterbrechen. Und just, als es schien, sie würde den Tatbestand der fahrlässigen Tötung für erfüllt erklären, unterbrach sie das Verfahren für den Tag. Dieser Ablauf sicherte Masipa die Aufmerksamkeit des Gerichtssaals und lässt die Spannung steigen. Man mag sich nicht vorstellen, was diese Verzögerungstaktik für die Familie des Opfers bedeutet hat, für die Familie des Angeklagten - und für diesen selbst.

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