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Untergang der Estonia:Grab im Meer

Vor 20 Jahren sank die Estonia in der Ostsee, 852 Menschen starben. Die Hinterbliebenen haben bis heute viele Fragen, doch die schwedische Regierung verbietet Tauchern noch immer, sich dem Wrack zu nähern - und erweckt so den Eindruck, es gebe etwas zu verbergen.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Vielleicht liegt es am Regen, aber das Seefahrtsmuseum in Stockholm sieht an manchen Tagen besonders trostlos aus. Einer der wenigen, die jetzt hier sind, ist Lennart Nord. Draußen donnert es, als er einen Blumenkübel nach dem anderen ins Museum schleppt und um eine Vitrine drapiert, liebevoll. Auf der Vitrine ist eine Miniatur der Estonia zu sehen, jenem Schiff, das vor 20 Jahren zwischen Tallin und Stockholm sank und 852 Menschen mit sich riss; nur 137 überlebten. Es war das schlimmste Schiffsunglück in Europa zu Friedenszeiten.

Die meisten Passagiere waren Schweden, der Untergang war eine Tragödie für das skandinavische Land. Am Sonntag jährt sich das Unglück nun wieder, im Seefahrtsmuseum gibt es eine Ausstellung dazu, die aber doch bescheiden ausfällt. Sie ist privat organisiert von der SEA, der Stiftung der Estonia-Opfer und ihrer Angehörigen. Ein paar Info-Tafeln, ein paar Glaskästen, die sich die Halle mit der Hauptattraktion des Museums teilen: dem Heck des Lust-Schiffes von König Gustaf III., samt nachgebauter Luxus-Kajüte.

Von der Estonia ist wenig Greifbares geblieben: Eine Kamera, mit deren Blitzlicht ein Überlebender Hilfssignale senden wollte, drei Fotos, die er dabei schoss. Sonst: Text, Fakten, Ungereimtheiten. Immer noch stellen die Hinterbliebenen auch deshalb die gleichen Fragen: Warum ist die Estonia so schnell gesunken? Warum wurden die Opfer nie geborgen?

Und, vor allem: Warum ist es verboten, zum Wrack zu tauchen und dort nach Antworten zu suchen?

"Ich muss die Wahrheit wissen"

Lennart Nord geht es wie so vielen anderen: Er kommt von dem Thema nicht los. Er hat auf der Estonia seine Mutter verloren. "Ich muss die Wahrheit wissen", sagt er. Auch wenn er das so nicht formulieren würde: Die Version der schwedischen Regierung hält er nicht für die Wahrheit.

Sie geht so: Am Abend des 27. September 1994 legt die Estonia mit Verspätung in Tallin ab und nimmt Kurs auf Stockholm, wo sie am Morgen ankommen soll. Die See ist rau, heftige Wellen schlagen gegen die Bugklappe vor dem Fahrzeug-Deck. Irgendwann halten die Scharniere nicht mehr, die Klappe bricht ab und öffnet dem Meer das Tor, durch das sonst Autos ins Schiff fahren. Schnell dringen große Mengen Wasser ein, die Estonia kippt. Viele Passagiere, die in ihren Kajüten schlafen, schaffen es nicht mehr an Deck.

Die internationale Untersuchungskommission, die damals Taucher zum Wrack schickte, ging von einem Defekt an der Bugklappe aus. Die Regierungen von Schweden, Finnland und Estland wollten es dabei belassen. Sie verwarfen Pläne, die Opfer zu bergen und erklärten das Schiff zum Grab. Sie unterzeichneten ein Bannmeilen-Abkommen, das es Schiffen und Tauchern untersagt, sich der Estonia zu nähern.

Die deutsche Bundesregierung dagegen unterschrieb es nicht. Sie vertrat "die Auffassung, das Abkommen könnte zukünftige Untersuchungen zur Unglücksursache erschweren, weil das Abkommen keine Ausnahmen für mögliche nachträgliche Untersuchungen vorsah", so begründet das Auswärtige Amt diesen Schritt.

Bei der Untersuchung ging vieles schief

Bei der Untersuchung nach dem Unglück ging vieles schief: Der Bericht erwies sich als lückenhaft. Schon vor Veröffentlichung hatten Mitglieder der Untersuchungskommission reklamiert, dass Fakten unterschlagen worden seien. Ein Mitglied warf dann auch noch einen Teil des Atlantikschlosses, das das Bugvisier sichern sollte, zurück ins Meer. Ausgerechnet für dieses wichtige Beweisstück war offenbar kein Platz mehr im Hubschrauber.

Später wurde bekannt, dass auf der Estonia Rüstung transportiert wurde. Wurde russische Militärtechnik geschmuggelt? Wurde das Schiff deswegen versenkt? Ist die Bug-Klappe abgesprengt worden? Gab es noch ein Loch im Rumpf, das das schnelle Sinken erklären könnte?

Bücher sind dazu geschrieben, Dokumentarfilme gedreht worden. Experten, Journalisten und Juristen forderten, das Wrack noch einmal zu untersuchen. Doch das Tauchverbot blieb bestehen.

2006 ließ die schwedische Regierung stattdessen prüfen, ob die Art und Weise, wie das Schiff sank, zur Bugklappen-Erklärung passt. Beauftragt wurde unter anderen die Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) und die Technische Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Die Experten nutzen die selben Daten, Zeugenaussagen und alten Videoaufnahmen wie die Kommission damals - und kamen auch etwa zum gleichen Schluss.

Stefan Krüger, Leiter des Instituts für Schiffssicherheit an der TUHH, hätte sich allerdings neue Bilder vom Wrack gewünscht. "Es wäre nützlich gewesen, insbesondere den Zustand des Autodecks zu sehen, um unsere Berechnungen überprüfen zu können", sagt er. Ausgerechnet vom Autodeck gibt es aber kein Video-Material.

"Es war eine historisch falsche Entscheidung"

Zur Pressekonferenz der SEA in Stockholm sind vor dem Jahrestag einige Kamera-Teams gekommen. Sie interviewen wieder die selben Männer, die seit 20 Jahren die selben Fragen stellen. Kent Härstedt ist da, Estonia-Überlebender und seit 1998 im Schwedischen Parlament.

Er fordert, so viele Opfer wie möglich so schnell wie möglich zu bergen, bevor die Estonia von Hobbytauchern und Souvenirjägern heimgesucht wird, denn das ist trotz des Abkommens nicht auszuschließen: Schwedische Medien haben bereits über nicht autorisierte Aktivitäten in Wrack-Nähe berichtet.

"Es war eine historisch falsche Entscheidung, die Estonia nicht zu bergen. Es ist keine Frage von Geld oder Technik, sondern nur des politischen Willens", sagt Härstedt. Völlig klar, findet er, dass Angehörige denken, die schwedische Regierung habe etwas zu verbergen.

SEA hofft auf Hilfe aus Deutschland

Angehörige wie Bertil Calamnius, der sich ständig mit der Estonia beschäftigt, seit er in Rente ist. Er sammelt alles, was die Version der Regierung vom Untergang widerlegt. Zu jeder Frage kann er ein Dokument aus seinem Aktenkoffer ziehen. Nur auf eine Frage ist er nicht vorbereitet: auf die nach seiner Tochter.

Sie war 30 Jahre alt, als sie mit der Estonia unterging. Calamnius hat nie versucht herauszufinden, wie ihre letzten Stunden aussahen, wo sie sich aufgehalten hat. Auch er möchte, dass die Toten geborgen werden, damit sie kein Vorwand mehr sein können, weitere Untersuchungen zu verbieten: "Für uns sind die Opfer wie Geiseln."

Weil die schwedische Regierung sich nicht bewegt, hofft die SEA nun auf Hilfe aus Deutschland, das das Bannmeilen-Gesetz ja nicht unterschrieben hat. Schon lange hat sie Kontakt zum deutschen Hobby-Taucher Jakob Olszewski, der bereits 2000 und 2001 unten beim Wrack war. Damals war es eine privat finanzierte Expedition, die von deutschen Medien begleitet wurde. Olszewski machte unentgeltlich mit. Die technischen Taucher hatten unter anderem den Auftrag, ein Loch im Rumpf zu finden - die entscheidende Stelle sei damals aber mit Sand überdeckt gewesen, sagt er.

Olszewski würde jederzeit wieder zur Estonia tauchen. Doch so eine Expedition kostet Geld, das offenbar nicht da ist. Olszewski sagt, er warte nur auf ein Zeichen, dann würde er sofort lostauchen.

Nicht nur er.

© SZ vom 27.09.2014/afis
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