Trauerfeier für Nelson Mandela Gebärdensprach-Dolmetscher erlitt "Schizophrenie-Anfall"

War der Mann ein Hochstapler - der Mann, der wüst durch die Gegend fuchtelte, statt die Reden bei der Trauerfeier für Nelson Mandela für Gehörlose zu dolmetschen? Thamsanqa Jantjie hat sich mit einer psychischen Krankheit entschuldigt. Seine Chefs sind offenbar verschwunden.

Thamsanqa Jantjie ist über Nacht weltberühmt geworden. Als Gebärdensprach-Dolmetscher, der womöglich gar keiner ist, der auf der ganzen Welt schon als Hochstapler bezeichnet wird. Der die Reden während der Trauerfeier für Südafrikas Nationalhelden Nelson Mandela nicht für Gehörlose darstellte, sondern sinnfreie Gesten in die Luft malte. Jetzt hat sich der Südafrikaner selbst zu Wort gemeldet. Das alles sei ein tragischer Zwischenfall, sagt Jantjie, die Folge einer Schizophrenie-Attacke.

Der 34-Jährige, der nach eigenen Angaben wegen seiner psychischen Erkrankung schon einmal stationär behandelt wurde und Medikamente dagegen einnimmt, sagt, ihm sei plötzlich die Konzentration verloren gegangen. Er habe angefangen, Dinge zu sehen und laute Stimmen zu hören. Und habe nur noch wirr gestikuliert, statt verständlich zu gebärden. "Ich konnte nichts dagegen tun. Ich war allein in einer sehr gefährlichen Situation. Ich habe versucht, mich unter Kontrolle zu kriegen und der Welt nicht zu zeigen, was geschah. Es tut mir sehr leid, aber das war die Situation", zitiert ihn das Nachrichtenportal Independent Online.

Dem Bericht zufolge verdient Jantjie seinen Lebensunterhalt als Gebärdensprach-Dolmetscher, Fotos in seinem Haus zeigten ihn bei der Arbeit neben bekannten Persönlichkeiten wie Präsident Jacob Zuma. Im vergangenen Jahr dolmetschte Jantjie bei mindestens zwei Großveranstaltungen der Mandela-Partei ANC. In einem Interview mit dem Sender Radio 702 aus Johannesburg sprach Jantjie - der auf vielen Fotos der Trauerfeier in die Kameras lächelt - kurze Zeit nachdem er sich zum ersten Mal geäußert hatte, ebenfalls von Schizophrenie, allerdings in weitaus weniger entschuldigendem Tonfall.

"Ich finde, ich war ein Meister der Gebärdensprache", zitiert der Nachrichtensender eNCA aus dem Interview. Und: "Denken Sie daran, Sie sprechen über einen Dolmetscher, der all diese Jahre lang gedolmetscht hat. Wenn ich was falsch gemacht hätte, warum sollte das erst jetzt ein Problem werden?" In seinem Gespräch mit Radio 702 wollte sich Jantjie nicht näher zu seiner Krankheit äußern - aus Rücksicht auf seine Kinder.

Seinen Behauptungen, es habe nie zuvor Beschwerden über seine Arbeit gegeben, widerspricht das Südafrikanische Dolmetscher-Institut laut CNN. Nach einem Auftritt im vergangenen Jahr habe es durchaus Beschwerden gegeben.

Ist all die Aufregung, die Gehörlose weltweit in Rage brachte, am Ende also schlicht die Tragödie eines kranken Mannes? Independent Online versuchte, Jantjies mutmaßlichen Arbeitgeber SA Interpreters zu erreichen - ohne Erfolg. Der Link zu einer Facebook-Seite mit dem Titel "SA Interpreters @ Work" ist ebenfalls nicht erreichbar. Am Nachmittag berichteten Medien, die Chefs der Dolmetscher-Firma seien verschwunden.

Die stellvertretende Ministerin für die Belange Behinderter in Südafrika sagte, der Sicherheits-Check des Dolmetschers, der vor der Veranstaltung erfolgt sei, werde noch einmal überprüft. Das berichtet unter anderem die britische BBC. Sie kritisierte Jantjies Vorgesetzte als Betrüger und entschuldigte sich bei den Gehörlosen des Landes, nahm den Mann aber in Schutz. "Es gibt an die hundert Gebärdensprache-Dialekte", sagte die Politikerin. Die Muttersprache des Mannes sei Xhosa, "das Englisch war ein bisschen zu viel für ihn".

Die südafrikanische Regierung untersucht den Vorfall. Und womöglich auch die Geheimdienste der Vereinigten Staaten. Schließlich stand Herr Jantjie während der Trauerfeier unmittelbar neben Präsident Barack Obama.