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Tödliche Polizeigewalt in Südafrika:Kollegen der getöteten Minenarbeiter wegen Mordes angeklagt

Die Beamten hätten aus Notwehr gehandelt, rechtfertigt die südafrikanische Polizei die tödlichen Schüsse auf streikende Minenarbeiter. Die Kumpel selbst sollen die Gewalteskalation vor zwei Wochen provoziert haben - und nun die juristische Verantwortung tragen. Doch es mehren sich Zweifel an der offiziellen Version der Geschehnisse.

Wer ist für den Tod von 34 Arbeitern der Marikana-Mine verantwortlich? Für die südafrikanische Polizei, die die streikenden Kumpel vor knapp zwei Wochen erschossen hatte, ist die Antwort klar: Die Einsatzkräfte an dem Platinbergwerk bei Rustenburg, etwa 100 Kilometer nördlich von Johannesburg, handelten der offiziellen Version der Behörden zufolge in Notwehr, nachdem sie von einer Meute Bewaffneter angegriffen worden waren. Schuld an der Gewalteskalation tragen demzufolge die Kollegen der getöteten Minenarbeiter.

Gegen 270 Arbeiter hat die zuständige Staatsanwaltschaft nach Informationen der BBC nun Anklage erhoben - wegen Mordes. Dabei kommt dem Bericht zufolge ein Gesetz zur Anwendung, dass es erlaubt, alle Personen juristisch zu verfolgen, die gemeinschaftlich an einer Straftat mitgewirkt haben. So sollen nicht nur die Arbeiter belangt werden, die bewaffnet waren, sondern auch jene, die keine Macheten und sonstige Waffen bei sich trugen.

Die tödlichen Schüsse an der Platinmine am 16. August waren der blutige Höhepunkt eines bereits Tage andauernden und sich zunehmend verschärfenden Arbeiterkampfes. Ein Zusammenschluss spezialisierter Kumpel war in den Streik getreten, um für höhere Löhne zu protestieren, ohne diese Maßnahme jedoch mit der etablierten Gewerkschaft der Kumpel abzusprechen. In der Folge gab es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien.

Die Polizei sollte eigentlich verhindern, dass sich die Situation an dem Bergwerk weiter verschärft. Doch anstatt dass die Anwesenheit der Beamten zur Deeskalation beigetragen hätte, kam es zur Tragödie. Dabei zweifeln viele Südafrikaner und Beobachter an der passiven Rolle der Polizei.

Vor dem Gericht in Garankuwa nahe der Hauptstadt Pretoria, in dem 264 der 270 angeklagten Kumpel einem Haftrichter vorgeführt wurden, kam es nach Angaben der BBC zu Protesten. Sechs Minenarbeiter liegen noch immer verletzt im Krankenhaus.

Nun erhebt auch der renommierte südafrikanische Journalist Greg Marinovich schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte. Schwerbewaffnete Polizisten hätten die Kumpel "gejagt und kaltblütig erschossen", schrieb der Fotoreporter auf der Nachrichtenseite Daily Maverick. Der Pulitzer-Preis-Träger recherchierte nach eigenen Angaben 15 Tage lang rund um die Platinmine.

Nach Angaben Marinovichs wurden nur zwölf der Opfer auf dem Hügel erschossen, auf dem Kameras das Geschehen live aufzeichneten. Die anderen Menschen seien in felsigem Gelände etwa 300 Meter entfernt getötet worden. Markierungen der Forensiker wiesen darauf hin, dass mindestens drei Opfer aus nächster Nähe erschossen worden seien. Zwei der Kumpel seien an einem Ort ohne Fluchtweg getötet worden. Zeugen hätten zudem berichtet, Menschen seien von Polizeifahrzeugen überfahren worden.

Die für die Polizei zuständige Aufsichtsbehörde wollte den Artikel auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht kommentieren.

Südafrikas Präsident Jacob Zuma hatte am vergangenen Donnerstag eine Untersuchungskommission eingesetzt, die die Verantwortlichen für den Vorfall ermitteln soll. Am Montag hatte bereits die Zeitung The Star aus Ermittlungskreisen berichtet, die meisten Opfer seien auf der Flucht vor der Polizei erschossen worden. Festgenommen wurde bislang jedoch keiner der beteiligten Beamten.