Tod von Kim Wall:Schrecklicher Verdacht

U-Bootes des dänischen Ingenieurs Madsen

Was geschah an Bord? Das U-Boot des dänischen Ingenieurs Madsen im Hafen von Kopenhagen in einem von der Polizei abgesperrten Bereich.

(Foto: dpa)
  • Weitere Körperteile der schwedischen Journalistin Kim Wall wurden gefunden.
  • Das bringt die Aussagen des U-Boot-Bauers Peter Madsen erneut ins Wanken.
  • Der Däne steht unter Mordverdacht: An Bord seines U-Bootes starb Wall im August.

Von Silke Bigalke

Peter Madsen hat schon viel erzählt über das Verschwinden von Kim Wall. Und einiges hat er wieder zurückgenommen, auch weil die Beweise gegen ihn sprachen. Längst hat er zugegeben, dass die schwedische Journalistin am 10. August an Bord seines U-Bootes starb. Ein "schrecklicher Unfall" habe die junge Frau getötet, er sei unschuldig, erklärt der 46-jährige Däne. Doch nun haben Taucher den Kopf des Opfers aus der Ostsee geborgen. Der Fund bringt Madsens Aussage erneut ins Wanken.

Madsens Unfall-Version geht so: Kim Wall war an jenem Augustabend in Kopenhagen zu ihm an Bord gestiegen. Sie wollte über den berühmten dänischen Tüftler und sein selbstgebautes U-Boot Nautilus schreiben. Gemeinsam tauchten sie ab und später irgendwo auf der Ostsee wieder auf, wohl um Luft zu schnappen. Kim Wall wollte gerade durch die Luke hoch zu Madsen auf die Kommandobrücke steigen, da rutschte der Kapitän ab. So fiel der schwere Eisendeckel der Journalistin auf den Kopf, und sie stürzte zurück in den Bauch des Bootes. Überall sei Blut gewesen, er sei in Panik geraten, erklärte Madsen. Deswegen habe er die Leiche über Bord geworfen, und zwar unversehrt.

Bereits vor Wochen hatte eine Radfahrerin den Rumpf einer Frauenleiche entdeckt, er war südlich von Kopenhagen angeschwemmt worden. Ein DNA-Test brachte die Gewissheit: Es war Kim Wall. Jetzt haben am vergangenen Freitag Taucher ihren Kopf geborgen, Rechtsmediziner identifizierten ihn anhand der Zähne. "Es gibt keine Frakturen oder Anzeichen für andere Schäden am Schädel", sagte Ermittlungsleiter Jens Møller Jensen am Samstag. Das spricht gegen die These, dass die Schwedin von dem 70 Kilogramm schweren Deckel der Luke erschlagen wurde. Damit ist die Todesursache weiterhin unklar.

Alles war verpackt in Plastiktüten und mit Gewichten beschwert

Nicht das erste Mal kommen Zweifel an dem auf, was Peter Madsen den Ermittlern erzählt. Ganz am Anfang noch hatte der Däne erklärt, er habe die Journalistin nach dem Interview an Land abgesetzt, lebendig. Weil Kim Wall an jenem Abend nicht nach Hause kam, suchten Polizei und Militär nach der Nautilus, fanden sie am nächsten Morgen in der Køge-Bucht und Madsen allein an Bord. Kurz darauf sank das U-Boot, ein Defekt am Ballasttank, behauptete der Kapitän. Eine Untersuchung ergab, es war vermutlich Absicht. Die Ermittler fanden Kim Walls Blut an Bord.

Ungefähr zur gleichen Zeit änderte Madsen seine Aussage, sprach nun von einem Unfall, von dem vielen Blut, von seinem Schock und davon, dass er sich sogar umbringen wollte. Stattdessen habe er die Tote in seiner Panik auf See "bestattet" und dann das U-Boot versenkt. Zerstückelt habe er die Leiche aber nicht. Zehn Tage später wurde Walls Rumpf gefunden, durchlöchert und mit Gewichten beschwert.

Wochenlang suchten die Ermittler nach den restlichen Körperteilen. Erst in der vergangenen Woche gaben sie während einer Anhörung vor Gericht weitere Details bekannt: Sie hatten 14 Messerstiche allein im Unterleib des Opfers gefunden, weitere in der Brust und zwischen den Beinen. Die Stiche seien ihr zugefügt worden, "als der Tod eintrat oder kurz danach", sagte Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen. Kopf, Arme und Beine seien offenbar mit einer Säge abgetrennt worden.

Foltervideos auf einer Festplatte

In Madsens Werkstatt fand die Polizei zusätzlich eine Festplatte mit Videos, auf denen Frauen gefoltert, enthauptet und verbrannt wurden. Die Aufnahmen könnten laut Staatsanwaltschaft echt sein, sie stammen offenbar aus dem Ausland und sind nicht von Madsen aufgenommen worden. Der war bei der Anhörung per Video aus dem Gefängnis zugeschaltet und erklärte, dass mehrere Menschen Zugang zu seiner Werkstatt hätten. Die Aufnahmen gehörten ihm nicht. Zu Kim Wall habe er keinerlei sexuelle Beziehung gehabt. Er habe sie vor dem 10. August nie getroffen.

Seine Anwältin sagte da noch, es gebe keinerlei Beweise dafür, dass ihr Mandant Kim Wall getötet habe. Nichts widerlege dessen Aussage, dass die Journalistin bei einem Unfall gestorben sei. Zu diesem Zeitpunkt war Walls Kopf noch nicht gefunden. Ihn bargen Taucher jetzt gemeinsam mit ihrer Kleidung, einem Messer und den beiden Beinen aus der Køge-Bucht, alles verpackt in Plastiktüten und mit Gewichten versenkt.

Erinnerung an eine mutige und warmherzige junge Frau

Angehörige und Freunde von Kim Wall haben einen Spendenfonds in ihrem Namen organisiert und damit bereits knapp 100 000 Dollar gesammelt. Mit dem Geld möchten sie Journalistinnen unterstützen, die Geschichten recherchieren, wie Kim Wall sie schrieb: über "Subkultur" und über die "Unterströmungen von Rebellion", so habe Kim Wall sie genannt, heißt es auf der Internetseite für den Fonds. Dort erinnern sich Freunde an eine mutige und warmherzige junge Frau, die in New York lebte, nach Peking ziehen wollte und für ihre Geschichten schon in Uganda, in Sri Lanka und auf den Marshallinseln unterwegs gewesen war. Sie habe gerne über Außenseiter und Verrückte geschrieben, erzählen Menschen, die sie kennen. Für ihren Artikel über den dänischen U-Boot-Bauer hatte sie, wie häufig, keinen festen Auftraggeber. Sie hatte ihn dem Magazin Wired bisher nur vorgeschlagen.

Kim Wall war nicht die erste Journalistin, die Peter Madsen interviewte. Madsen war mit seiner Nautilus bekannt geworden - das größte selbstgebaute U-Boot der Welt, so sprach man von ihr. Seit einigen Jahren arbeitete er daran, mit der ersten von Privatleuten finanzierten bemannten Rakete die Erdatmosphäre zu verlassen. An beiden Projekten hatte er zusammen mit Gruppen aus Freiwilligen gebastelt, mit denen er sich später zerstritt. Nun steht Raketen-Madsen, wie er in Dänemark auch heißt, unter Mordverdacht. Er soll psychologisch untersucht werden. Die Untersuchungshaft hat das Gericht zunächst bis Ende Oktober verlängert. Dann könnte er erneut aussagen.

© SZ vom 09.10.2017/sks/cat
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