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Textilindustrie:Erfolg trotz Skandalen

Im vergangenen Jahr ist in Bangladesch ein neungeschossiges Gebäude eingestürzt, 1134 Menschen wurden damals getötet und 2438 verletzt. Im zweiten Stock hatten 580 Angestellte des Primark-Zulieferers "New Wave Bottoms" Hosen und Hemden zusammengenäht - die meisten von ihnen haben den Einsturz nicht überlebt. Primark hat nach eigenen Angaben 12 Millionen US-Dollar Entschädigung an die Opfer und hinterbliebene Familienangehörige gezahlt. Ob der Konzern die Löhne in Bangladesch erhöht hat, darüber macht das Unternehmen keine Angaben.

Hubertus Thiermeyer ist Landesfachbereichsleiter für Handel der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft in Bayern. Er sagt: "Wer ein T-Shirt für zwei Euro kauft, muss wissen, dass jemand anderes den Preis dafür bezahlen muss." Primark gehört zum britischen Giga-Konzern Associated British Foods, der unter anderem Marken wie die Teefirma Twinings besitzt und das aus der Schweiz stammende Malzgetränk Ovomaltine. 276 Primark-Filialen gibt es in neun europäischen Ländern - der Umsatz ist so gigantisch, dass der Konzern jetzt in die USA expandieren wird.

Weder Wühltisch-Ambiente noch angebliche Hilferufe können der Marke etwas anhaben

Am Ende eines Tages gleichen Primark-Läden Schlachtfeldern. Horden von Mädchen, Frauen und jungen Männern probieren mitten im Laden an, weil die Schlangen vor den Umkleidekabinen endlos sind. Die Sachen, die sie nicht kaufen, lassen sie auf dem Boden liegen. Doch weder Wühltisch-Ambiente noch angebliche Hilferufe chinesischer Arbeiter können dem Label etwas anhaben.

Vor wenigen Tagen waren in Primark-Kleidern Etiketten entdeckt worden, auf denen angeblich Arbeiter Hilferufe notiert hatten wie "bis zur Erschöpfung zum Arbeiten gezwungen". Der Konzern ließ prüfen und kam zu dem Befund, dass es sich bei den Hilferufen um Fälschungen handele. In dem walisischen Ort Swansea, wo die beiden Primark-Kleider gekauft worden waren, habe Monate zuvor eine Kunstaktion mit solchen Etiketten stattgefunden, bei der Besucher ermutigt worden waren, solche Etiketten in Kleidung einzunähen.

Inzwischen ist auch ein dritter "Fall" bekannt geworden, bei dem eine Kundin in Belfast in einer Dreiviertel-Hose einen auf Chinesisch verfassten Hilferuf gefunden habe. Die örtliche Zeitung South Wales Evening Post berichtete nun, eine Kunststudentin habe für ein Projekt mit einer chinesischen Universität ähnliche Zettel hergestellt. Die Studentin habe auf Anfragen bisher nicht reagiert - und ihr Twitter- und Facebook-Profil gelöscht.

"Von eurer Ideologie werde ich nicht satt."

Drei Stunden nach der Eröffnung steht die Luft in Berlins zweiter Primark-Filiale am Alexanderplatz. Zwei junge Mädchen verteilen am Eingang Zettel, auf denen steht: "Ausbeutung ziehen wir nicht an." Ein 52 Jahre alter Mann kommt auf sie zu und sagt: "Ich hoffe, dass in Berlin noch mehr solche Läden aufmachen." Die Mädchen sind perplex. "Aber wissen Sie, wie die Arbeitsbedingungen bei Primark sind? Würden Sie 14 Stunden sechs Tage in der Woche in einer Fabrik nähen, ohne Krankenversicherung?"

Der Mann macht es kurz: "Ja, würde ich. Denn von eurer Ideologie werde ich nicht satt. Ich sammele Pfandflaschen, um meine spärliche Rente aufzubessern."