bedeckt München 11°

Ted Conference in Kanada:Das Prinzip "Cybermobbing"

Wie so vielen, die als Indexpatienten eines gesellschaftlichen Phänomens keine Vorläufer und damit auch keine Vorbilder oder Ratgeber haben, tat sie sich besonders schwer. "Es gab ja noch keine Begriffe für Cybermobbing" sagt sie, und auch nicht für das "Slutshaming", mit denen Frauen und Schwulen das Leben im Netz zur Hölle gemacht wird. Seit dem nun historischen "Monica-Lewinsky-Skandal" entwickelte sich Cybermobbing zum digitalen Alltag. Das Trolling gehört dazu und der Shitstorm. Tendenz steigend. Sie hat Zahlen dafür. Alleine von 2012 bis 2013 habe es beim Cybermobbing einen Anstieg von 87 Prozent gegeben.

Zahlen gibt es viele. Eine Auswertung von Untersuchungen des amerikanischen Bundesamtes für Statistik und des US-Gesundheitsamtes hat ergeben, dass 52 Prozent aller amerikanischen Teenager schon Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht haben. Es trifft vor allem, aber nicht nur Jugendliche. Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik kam bei einer Untersuchung von 14- bis 39-jährigen immerhin noch auf einen Wert von zwölf Prozent.

Darum nimmt die Öffentlichkeit Cybermobbing nicht ernst

Die breitere Öffentlichkeit nimmt Cybermobbing nicht ernst. Es schreit ja niemand jemanden an, es wird nicht geschubst, nicht geschlagen. Aber da gibt es noch diese Studie aus den Niederlanden, die nachweist, dass die Zahl der Suizide wegen Cybermobbings jetzt erstmals höher ist als die wegen Mobbings im Büro, auf dem Schulhof oder sonstwo in der analogen Welt.

"Für so viele Eltern ist es heute zu spät", sagt Monica Lewinski. "Für die gibt es keine Hoffnung mehr, dass wir das Problem in den Griff kriegen." Und dann redet sie sich in Rage. Spricht über die "Kultur der Erniedrigung", die zwar nicht im Internet erfunden, dort aber zementiert worden sei, über das Geschäft mit der Hetze, die Millionen, die Klatschseiten und soziale Medien damit umsetzten, die Wucht, mit der diese Hetze ein Leben so nachhaltig aus den Angeln heben könnte, dass es niemals wieder so sein könne wie zuvor. Das ist auch der Titel ihres Vortrags: "The Price of Shame".

Warum Lewinsky für amerikanische Feministinnen eine Heldin ist

Kann man so einer Biografie in einer Viertelstunde eine neue Richtung geben? Die Ted Talks genannten Vorträge der Ideenkonferenz funktionieren als Internetvideos auf ihre Weise ganz ähnlich, wie der Monica-Lewinsky-Skandal damals. Streng genommen war Monica Lewinsky das erste Mem. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Nachricht über ihren Skandal verbreitete, nennt man heute "viral".

Der Auftritt am Donnerstag wäre dann so etwas wie ein klassisches Gegengift. Für die amerikanischen Feministinnen der heute älteren Generation, für Gloria Steinem oder Erica Jong etwa, ist sie schon jetzt eine Heldin. Sie haben sie moralisch unterstützt bei ihren Vorbereitungen für den Dornenweg zurück in die Öffentlichkeit. Würde es klappen, wäre Monica Lewinski nicht nur das erste öffentliche Gesicht eines Phänomens, für das bisher nur die Toten standen. Sie wäre auch eine Frontkämpferin gegen die sexuellen Aggressionen, die das Mobbing gegen Frauen auf allen Kanälen noch verstärken.

Das Internet vergisst allerdings nichts und schon gar nicht seinen Hass. Als Monica Lewinsky im vergangenen Sommer einen ersten Versuch der Rückkehr in die Öffentlichkeit wagte und einen Essay für die Zeitschrift Vanity Fair schrieb, kamen die Hetzer gleich wieder aus ihren Nischen. Sie solle doch endlich mal Ruhe geben, war da einer der harmloseren Kommentare. Nein, sagt Monica Lewinski dann noch, ein Interview mag sie doch nicht geben. Und dann schaut sie wieder auf den Schirm ihres Telefons mit dem rosaweißen Plastikrand.

© SZ.de/jana

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite