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Stuttgart:Krach um Theo

Rennstrecke Theo, Angeberautos

"Das ist mir too much, dieses Gebollere." Abendliche Kraftfahrzeug-Schau im Stuttgarter Ausgehviertel Theodor-Heuss-Straße.

(Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth)

Die als Partymeile bekannte Theodor-Heuss-Straße ist zur Rennstrecke geworden. Mittlerweile haben selbst diejenigen von dem Lärm genug, die die Raser einst hierhergelockt haben. Was kann die Stadt tun?

Von Josef Kelnberger, Stuttgart

Es ist frühmorgens, zwanzig vor zwei. Ein Hauch von Miami Vice liegt über der Szene, dabei befinden wir uns doch nur auf der Theo. Scheinwerfer, Motorengeheul, quietschende Reifen. Ein schwarzer BMW heult über die dreispurige Fahrbahn, schleudert nach rechts in Richtung Gehweg, rammt einen Eisenpfosten, verletzt zwei junge Männer am Bein. Der Wagen setzt zurück, beschleunigt, rauscht haarscharf vorbei an einem weiteren jungen Mann, der über die Straße rennt, schleudert seitlich über den Grünstreifen auf die Gegenfahrbahn. Mit demolierter Schnauze verschwindet er in der Nacht.

Ein 18-jähriger Azubi namens Dimitrios, der Samstagnacht auf der Theodor-Heuss-Straße im Adrenalinrausch Papas Wagen geschrottet hat, ist nun Stadtgespräch in Stuttgart. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung, Straßenverkehrsgefährdung, Unfallflucht. Die Bürgerschaft, vom OB Kuhn bis zum Stadtdekan, lässt wissen, dass es so nicht mehr weitergehen kann auf der Theo, Stuttgarts Partymeile. Die Polizei verschärft ihre Kontrollen. Und viele Racing-Freunde, die am Wochenende auf der Theo Gummi geben, finden das Youtube-Video mit Dimitrios einfach nur geil.

Gunther Hausch kann über das Video vom 8. November nur müde lächeln. Kein großes Ding, vergleichsweise. "Wir sind jede Nacht froh, wenn nichts Größeres passiert", sagt er.

Hausch sitzt nachmittags in seiner Bar "Muttermilch". Erkältet, mit glasigen Augen, einen Schal um den Hals geknotet, hat er sich auf dem schwarzen Sofa niedergelassen. Es riecht nach kaltem Rauch, hinter der Theke bereitet man sich auf den Abend vor. Die Muttermilch ist einer der Bar-Lounge-Club-Hybride, die die Theo berühmt gemacht haben. Hausch, im Hauptberuf Architekt, hat sie 2005 mit zwei Bekannten eröffnet, zwei Jahre später daneben noch einen Club. Am Sonntag wird Hausch 39 Jahre alt, er ist sozusagen einer der Veteranen dieser Straße.

Suite, Barcode, Rohbau, L'Oasis, Muttermilch. So ging das los. Aus einem leblosen Abschnitt der Bundesstraße 27, die westlich an der Stuttgarter Innenstadt vorbeiführt, wurde eine Meile, die man heute in ganz Deutschland kennt. Auf der Theo war zu erahnen: In dieser vermeintlich ach so langweiligen Stadt wird abends nicht nur das Geld gezählt, das man tagsüber verdient. Hier ist was los, hier wird gelebt. "Die Theo ist ein schönes Marketinginstrument für Stuttgart", sagt Hausch. Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: "gewesen". Er will die Theo nicht schlechtreden, aber es muss sich etwas ändern.

Hausch schwärmt von den alten Zeiten. Die Gastronomen halfen einander aus, lockten das Publikum mit dem gleichen Geschäftsmodell. Hochwertige Bar, angesagte Musik, Publikum von 18 bis 28. Die Muttermilch setzte auf House. Erst zehn Jahre her, aber eine andere Zeit. Damals ging man noch in Clubs, um neue Musik zu entdecken. Heute werden die DJs angemacht, wenn sie vermeintlich alte Sachen spielen. "Spotify", sagt Hausch zur Erklärung.

Nun siedeln sich Burger-Läden und System-Gastronomie an. Der Umsatz sinkt in den Bar-Lounge-Clubs, viele von Hauschs Weggefährten haben sich davon gemacht. Die Szene verlagert sich auf die andere Seite der Innenstadt, der Trend geht zu kleineren Bars. Ist sein Geschäftsmodell aus der Zeit gefallen? Gunther Hausch widerspricht. Das Problem sei: "Die Leute wollen Entschleunigung. Aber wir haben Hektik und Stress vor der Haustür." Die Racer und die Tuning-Freunde, die Rabatz machen, viele mit Doppelkennzeichen. BB für Böblingen, GP für Göppingen, PF für Pforzheim, WN für den Rems-Murr-Kreis.

Es begann während der Weltmeisterschaft 2006. Im Sommermärchen wurde die Theo als Renn- und Protzstrecke entdeckt. Bei großen Fußballturnieren geht hier nach wie vor die Post ab. Anlässlich der WM-Feierlichkeiten im Jahr 2014 schmiss man einen Miet-Smart ganz einfach um. Zu wenig Gewicht für diese Meile der Boliden. Aber auch jenseits des Fußballs hat sich die Szene aus Racern und Tunern hier festgesetzt.

Gehört so ein Motorenröhren und Reifenquietschen nicht zur Großstadt, macht sie nicht ihren Reiz aus? Hausch schüttelt den Kopf. Er stellt "ein Unwohlsein, eine gewisse Versteiftheit" bei seinen Gästen fest, vor allem bei denen, die draußen auf der Terrasse sitzen. "Jeder, der hier ein Lokal eröffnet, weiß, dass er eine turbulente Straße vor der Tür hat. Aber so aufbrausend war die Theo noch nie. Viele Gäste sagen, das ist mir too much, dieses Gebollere." Und es ist ja auch nicht so, dass die Autofreunde nach der Show eine Party bei ihm feiern würden. Es sind zwei getrennte Welten, Cocktail-Party und PS-Party.

Jetzt soll durchgegriffen werden. Aber ob eine Tempo-30-Zone das Problem wirklich löst?

Nun könnte man meinen: Luxusproblem einer saturierten Stadt. Anderswo in Deutschland fahren junge Männer Rennen, die manchmal tödlich enden. So was gibt es in Stuttgart nicht. Aber ein Blick auf die Polizeiberichte zeigt, es gibt allzu häufig Schwerverletzte. Das Tempo ist einfach zu hoch, nachts auf der Theo. "Das Rowdytum auf der Theodor-Heuss-Straße muss ein Ende haben", hat nun kategorisch Oberbürgermeister Fritz Kuhn erklärt. Seit Jahren gibt es Klagen, nun will er durchgreifen. Aber wie?

Kuhns Vorgänger, der CDU-Mann Wolfgang Schuster, äußerte im Überschwang des Sommermärchens 2006 die Vision von einer verkehrsberuhigten Theo, einer Meile für Mensch und Auto gleichermaßen. Aber in der Autostadt Stuttgart dem Auto auch nur einen Millimeter weg zu nehmen, ist eine heikle Sache. Dass muss auch der grüne OB Kuhn erfahren. Jeder Radweg, jede Fußgängerampel: Riesenproblem. Eine Arbeitsgruppe mit Polizei und Ordnungsamt soll nun Vorschlage erarbeiten, die Theo zu zivilisieren. Es wird wohl auf Tempo 30 hinauslaufen, kontrolliert durch fest installierte Radarfallen.

Ob das wirklich hilft? Es gibt zwei Gruppen auf der Theo. Auf der einen Seite die Racer, die möglichst teure Autos möglichst schnell durch die Nacht jagen wollen (neuerdings werden jede Menge Maseratis gesichtet). Auf der anderen Seite die organisierten Tuner mit ihren aufgemotzten Karren. Die wollen vor allem möglichst geräuschvoll starten. Dass man auf der Theo die Racer mit gewiefter Ampelschaltung bremst, kommt den Tunern gerade recht: Je mehr Rot, desto mehr Kavalierstarts.

"Man kann auch mit Tempo 30 jede Menge Krach machen", sagt Gunther Hausch, der den Sound der Theo wie kein Zweiter kennt. Im übrigen hegt er noch keine Pläne, die Theo zu verlassen. Aber, so sagt er zum Abschied, sie müsse wirklich ganz beruhigt werden.

Der Sound der Theo, man muss ihn mit eigenen Ohren hören. Es ist eine stürmische Freitagnacht, der Wind pfeift um die Ecken und stülpt die Regenschirme hoch. Aber Regenschirm ist sowieso uncool, wenn man sich hier unter eine fünfzigköpfige Gruppe von Freundinnen und Freunden des Tunings mischt. Gebannt verfolgen sie im Regen die Parade auf der Theo, manche filmen mit ihrem Smartphones.

Eine Stretchlimo rauscht vorbei, Musik wummert aus dem Wagen. Großer Jubel. Ein Golf wendet und donnert davon wie ein Formel-1-Wagen. Wie kriegt man bloß dieses Röhren hin? Geht das wirklich, indem man Wasser in den Auspuff füllt? Der junge Mann, der sich als Jürgen vorstellt, selbst ein Tuner, lächelt milde und erklärt ein paar Kniffe. Spoiler, Auspuff, Felgen. "Hauptsache, alles ist im Fahrzeugschein eingetragen." Ob er selbst alles hat eintragen lassen? Er erwidert grinsend: "Fast."

Drei Polizeiautos halten am Straßenrand, ein halbes Dutzend Beamte wenden sich an die Tuner. Sie warnen, mahnen. Die Polizei ist an jedem Wochenende auf der Theo im Großeinsatz, seit dem Ausritt des Azubis Dimitrios zeigt sie noch mehr Präsenz. Tempokontrollen, Fahrzeugkontrollen. Es wurden schon genügend Führerscheine eingezogen, eine große Zahl von Fahrzeugen musste stillgelegt werden. Und doch lebt die Szene immer weiter.

Man wolle doch hier nur "geile Autos sehen", bekommen die Polizisten nun zu hören, eine kleine Beleidigung noch hinterher. Ein Polizist wendet sich kopfschüttelnd ab, das Wasser tropft ihm von der Mütze auf die Nase. "Einfach mal die Klappe halten", sagt er, mehr zu sich als zu den jungen Männern. Man sieht ihm an, wie sinnvoll ihm dieser Einsatz gerade erscheint. Als hätte die Polizei nichts besseres zu tun, in diesen Tagen.

© SZ vom 20.11.2015

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