Streitthema Hund in Berlin:330.000 Hundehaufen am Tag

In Berlin leben 3,5 Millionen Menschen und schätzungsweise 165.000 Hunde. Die produzieren 333.000 Haufen - jeden Tag. Wie man der täglich 55 Tonnen Hundescheiße Herr wird, ob Hundehalter eine Hundehalterführerscheinprüfung ablegen müssen, wie man verhindern kann, dass Hunde fremde Kinder anspringen - darum geht es beim hundefreien "Bello-Dialog".

Die gut 30 Anwesenden schieben Ideen hin und her. Die einen wollen, dass alle Hunde immer an der Leine sind, die anderen regen sich über Hundepolizisten auf. Anette Butscher zum Beispiel. In einer Pause erzählt die 38 Jahre alte Angestellte, dass sie vor kurzem mit ihrer Tochter auf einer "riesigen Grünfläche in Reinickendorf" spazieren war und die Tochter mit dem Hund gespielt habe. Plötzlich seien Männer vom Ordnungsamt vor ihr aufgetaucht und hätten 70 Euro Strafe verlangt - weil ihr Hund nicht an der Leine hing.

Die Ergebnisse des Bello-Dialogs werden nach zwei weiteren Sitzungen im Frühjahr im Berliner Verbraucherschutzsenat beraten. Dort wird dann entschieden, ob Berlin ein neues Hundegesetz bekommt oder das alte bestehen bleibt. Berlin will aus den Fehlern von Stuttgart 21 lernen und die Bürger beteiligen. Deshalb der Runde Tisch.

Deutschland, einig Reglementierungsland. Die Teilnehmer des Dialogs zerbrechen sich in Gruppen den Kopf darüber, wie Hundegegner und Hundeliebhaber versöhnt werden können. Eine Gruppe hat die Idee: Hunde dürften nur zu bestimmten Zeiten ausgeführt werden. Carola Schubert, deren Tochter von einem Hund gebissen wurde, will wissen: "Wir reden hier über Freiflächen für Hunde. Ich frage: Wo sind die Freiflächen für Menschen?" Eine andere Frau findet, jeder, der sich einen Hund kauft, müsse eine Prüfung ablegen. Ein Wort dafür hat sie auch schon: "Sachkundenachweis".

Am frischsten argumentiert dann doch Sophie Schwab, die selbst einen Hund besitzt, ihn aber auch wie Tierärztin Kaschubat vorsichtshalber zu Hause gelassen hat: "Kann das nicht alles ohne Reglementierung und Zwang gehen?"

Japanische Übersetzungs-App für Hundegebell

Am längsten wird an diesem Abend über Hundekot debattiert. Draußen schneit es seit Stunden, das heißt auch: Die Hundehaufen verschwinden unter einer Schneeschicht. Die Gruppe "Hundehaufen" stellt Ideen vor, wie Hundescheiße garantiert in Berlins Mülltonnen landen könnte.

Zum Beispiel könne die Hundefutterindustrie doch in Hundefutterpackungen Plastiktüten mit hineingeben. Denn wie oft hört Herr Gresens, von dem diese Idee übrigens stammt, "dass, wenn ich einen anspreche, er solle den Haufen gefälligst wegmachen: Och, hab grad keene Tüte dabei". Herr Gresens lässt es jetzt, Leute anzusprechen, sie mögen doch bitte die Hundehinterlassenschaften wegmachen. "Was ich mir da schon für Beschimpfungen habe anhören müssen!"

Auch nach drei Stunden in dem Besprechungsraum des Gesundheits- und Sozialamtes wird nicht klar, wer das Problem ist: Der Mensch oder der Hund? Der Halter oder sein Tier? Elena Kaschubat sagt: "Die Persönlichkeit eines Menschen kann ich auch durch Gesetze nicht ändern."

Gerne hätte man gewusst, was Hunde von so einer Diskussion halten. In Japan geht das. Letztens war ein Fernsehteam aus Tokio in Berlin und hat Kaschubat einen Tag lang begleitet. Am Ende seien sie überrascht gewesen, "wie viel ich von Hunden verstehe", sagt sie. Der Hit sei in Japan im Moment eine Übersetzungs-App für Smartphones, die Hunde zum Sprechen bringt. Wie die funktioniert? "Man nimmt das Bellen der Hunde auf", sagt Elena Kaschubat und lacht, "und die App übersetzt dann ins Japanische, was der Hund gerade gesagt hat."

© SZ vom 12.12.2012/jst/jobr
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