bedeckt München 21°

Soziale Spannungen im Berliner Wedding:Nach einer Nazi-Attacke schwiegen die Autonomen nicht

In einem linken Internetforum haben sich jetzt auch Bewohner des Hausprojektes geäußert - mit harter Kritik an ihren Genossen. Es sei ihnen unverständlich, dass man nicht mit der Presse reden dürfe. Das Hausprojekt habe sich schon "seit Wochen" gegen Schutzgeldforderungen der "Streetfighters" gewehrt. "Das Schweigen um die Erpressungen" müsse gebrochen werden. "Nur Transparenz" könne "den Würgegriff des organisierten Verbrechens" lösen.

Die Mehrheit der Bewohner des Wohnprojekts hält offenbar nichts von Transparenz. Auch beim zweiten Versuch, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bleiben die Türen verschlossen. "Verpiss Dich!", sagt ein Bewohner des Projektes, als man um Einlass und um ein Gespräch bittet.

In linken Internetforen hat das Schweigen der linken Opfer eine Flut von Reaktionen ausgelöst. Auf "indymedia" schreibt ein Blogger unter der Überschrift "Willkommen in der Realität", dass er keine Lust mehr habe auf linke Wohnprojekte, weil er ihnen nicht mehr glaube: "Für Euch sind das Arabs oder was immer, jedenfalls Leute, mit denen Ihr nichts zu tun haben wollt. Da seid Ihr kein Stück anders als die anderen Kartoffeln. Ihr integriert Euch nicht in die Gegend. Aber Ihr tretet als Besatzer auf. Ihr tut so, als ob die Straße Euch gehört." Leute, so schreibt der Verfasser, "ich meine es gut mit Euch, ich teile Eure Ideale, aber was sich hier autonom nennt, das ist ein Haufen von Träumern."

Vor zwei Jahren war das linke Hausprojekt schon einmal Grund für einen Zwischenfall. Damals zog eine Gruppe von Neonazis vor die Schererstraße 8. Fenster wurden eingeschmissen, Transparente hochgehalten, die Hausbewohner als "linke Zecken" beschimpft. Damals schwiegen sie nicht. Der Angriff wurde öffentlich gemacht, im Internet die Gruppe "Freie Nationalisten Mitte" als Urheber genannt.

Die Dämmerung bricht ein. Über dem Vereinshaus der "Streetfighters" hängt seit ein paar Stunden ein Transparent: "Wir, die Streetfighters, haben keine Probleme mit den Leuten von Scherer8." Der Sozialarbeiter vermutet, dass das Plakat nicht von den "Streetfightern" geschrieben wurde. "Jemand hat denen gesagt, die sollen das aufhängen, jetzt, wo die Presse kommt." Der Sozialarbeiter erzählt auch, dass ihm türkische und arabische Jugendliche berichtet hätten, sie seien von "Streetfighter"-Mitgliedern angesprochen worden, sich der Gruppe anzuschließen. Sie würden mit dem Versprechen gelockt, dort "viel Geld" zu verdienen.

Vor dem Haus der "Streetfighters" parken Mercedes-Limousinen

Vor dem Vereinshaus parken zwei Mercedes-Limousinen, gegenüber steht ein großer Lkw in zweiter Reihe - eine Kohlelieferung für die Öfen im linken Hausprojekt.

Im Eingang ihres Fahrradgeschäftes "Radhaus Wedding" steht Felicitas Rotzinger. Das Geschäft liegt Wand an Wand mit dem Vereinshaus. Rotzinger steht oft an der Eingangstür, "schauen, was so los ist hier". Es ist viel los in der Schererstraße, sagt sie. Im Sommer seien Jugendliche mit Baseballschlägern durch die Straße gelaufen, und immer wieder kämen tätowierte Männer in teuren Limousinen, verschwänden im Vereinshaus, und nach ein paar Minuten verließen sie wieder die Straße. Einer habe "Hells Angels" auf seinem Nacken tätowiert gehabt.

Ihr Partner Elmar Müller sagt: "Ein ständiger Druck lastet auf einem hier, dass etwas passieren kann." Vor zwei Jahren sind sie mit ihrem Fahrradladen in die Schererstraße gezogen, da stand das Vereinshaus noch leer. Zu Schutzgeldzahlungen seien sie nicht aufgefordert worden. Einschüchtern würden sie sich aber nicht lassen: "Wenn da einer käme", sagt Felicitas Rotzinger, "würden wir das sofort der Polizei melden."

© SZ vom 11.02.2012/mane

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite