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Jugendgewalt:Wenn Kinder töten

Nach Tötungsdelikt an einem 13-Jährigen

Das Waldstück in der Nähe von Sinsheim-Eschelbach, in dem sich der mutmaßliche Tatort befindet.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

In Sinsheim soll ein 14-Jähriger einen 13-Jährigen umgebracht haben. Solche Fälle sind äußerst selten - dennoch gibt es Möglichkeiten der Vorbeugung, sagen Jugendpsychologen und Polizei.

Von Veronika Wulf

Die Meldung aus Sinsheim schockiert. Ein 14-Jähriger soll einen 13-Jährigen an einem Waldrand in dem Ort in Baden-Württemberg mit einem Messer getötet haben. Die Obduktion ergab: Verbluten nach innen. Das Motiv: wahrscheinlich Eifersucht, offenbar ging es um ein zwölfjähriges Mädchen. Der Verdächtige bestreitet die Tat, wie die Staatsanwaltschaft Heidelberg am Freitag mitteilte.

Die Meldung wirft auch jede Menge Fragen auf, nicht nur, weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind: War dem Täter klar, was er da tat? Wollte er den anderen töten? Was hat ihn so gewalttätig werden lassen? Fragen, die sich jedes Mal stellen, wenn Kinder oder Jugendliche schwere Verbrechen begehen, töten, morden.

Im vergangenen Oktober etwa, in Duisburg, gestand ein damals 14-Jähriger, seine gleichaltrige Freundin getötet zu haben. Oder im April in Essen, wo ein 17-Jähriger bei einem Streit an einer Bushaltestelle einen 14-Jährigen umgebracht haben soll - ebenfalls mit einem Messer. Auf die Gesamtzahl von Tötungsdelikten gesehen, sind diese Fälle äußerst selten; 19 minderjährige Tatverdächtige bei vollendetem Mord und Totschlag verzeichnet die Kriminalstatistik 2019, bei neun davon waren die Tatverdächtigen jünger als 16, aber in keinem Fall weniger als 14 Jahre alt.

Dennoch: Fälle wie in Sinsheim bleiben der Öffentlichkeit besonders im Gedächtnis. Er habe wenige solch schreckliche Taten erlebt, sagte am Donnerstag auch der Mannheimer Polizeivizepräsident Siegfried Kollmar. Je jünger der Täter, je grausamer die Tat, desto größer die öffentliche Bestürzung. Weil man, mehr noch als bei einem erwachsenen Täter, auf Gründe hofft, in der Erziehung, in der Psyche, im sozialen Umfeld des Täters.

"Es ist nicht ein einzelner Faktor wie der Migrationshintergrund oder die armen Verhältnisse, die zu massiver Gewalt führen, sondern eine Kumulation von Faktoren", sagt Friedrich Lösel, Psychologe, Kriminologe und Professor an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Cambridge. "Dazu zählen multiple soziale Belastungen in der Familie, Erziehungsdefizite, frühe neurologische Probleme, Persönlichkeitsdispositionen wie Impulsivität, unterdurchschnittliche Intelligenz und anderes."

Vor drei Monaten soll er schon einmal zugestochen haben

Schnell ist in solchen Fällen die Rede von der Verrohung der Gesellschaft, von immer härterer Gewalt. Doch Kriminologe Lösel widerspricht diesem Vorurteil. "Wir haben keine Explosion der Jugendgewalt in Deutschland." In den vergangenen Jahren habe es zwar einen leichten Anstieg gegeben (ohne Berücksichtigung des Corona-Jahres), doch insgesamt gehen die Zahlen seit den 90er-Jahren zurück. Und man müsse auch bedenken: Von diesen Gewalttaten gehe - zum Glück - nur ein sehr kleiner Teil tödlich aus.

Auch die schnelle Erklärung, Gewaltdarstellungen in Filmen und Computerspielen lösten zunehmend Taten aus, greife zu kurz, so Lösel. Sie könnten zwar unbewusst eine Art Ideengeber für konkrete Handlungen sein. "Das hat aber nur dann eine Bedeutung, wenn bereits verschiedene Dispositionen da sind, gewalttätig zu handeln."

Nach Tötungsdelikt an einem 13-Jährigen

Das Waldstück in der Nähe von Sinsheim-Eschelbach, in dem sich der mutmaßliche Tatort befindet.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Der Tatverdächtige aus Sinsheim hat bereits vor drei Monaten im nahe gelegenen Östringen einen 13-jährigen Mitschüler im Klassenzimmer mit einem Messer attackiert. Damals war er noch 13 und somit nicht strafmündig. Nach der Tat war er für drei Wochen stationär in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen worden, wo er begann, an einem Anti-Aggressionstraining teilzunehmen. Anschließend ist die Familie dem Jugendamt des Rhein-Neckar-Kreises zufolge weiterhin betreut worden, der Kontakt zu Amt und Familienhilfe habe durchgängig bestanden, letztmals wenige Tage vor der Tat in Sinsheim.

Zwischen 14 und 17 Jahren ist man in Deutschland bedingt strafmündig. Wer jedoch nach seiner "sittlichen und geistigen Entwicklung" noch ein Kind ist, kann auch mit 14 nicht bestraft werden. Das wird bei dem Sinsheimer Jungen ein Sachverständiger feststellen müssen. Solche Fälle sind jedoch selten. Andernfalls drohen dem 14-Jährigen bis zu zehn Jahre Jugendstrafe.

"Junge Menschen, die solche Taten begehen, sind häufig schon vorher massiv aufgefallen", sagt Lösel. Insofern sei der Sinsheimer Fall typisch. Auch dass ein Mädchen im Spiel war - sollte sich das im Laufe der Ermittlungen erhärten -, komme bei der Jugendgewalt vor. "Mädchen sind ja wesentlich weniger gewalttätig als Jungen, ungefähr nur ein Fünftel davon, aber Mädchen können in einer Gruppensituation eine gewisse Rolle spielen."

"Man darf nicht darauf hoffen, dass sich das mit der Zeit auswächst."

Andreas Heck, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg, plädiert für mehr Prävention. Die Behörden und Jugendeinrichtungen müssten eng zusammenarbeiten. "Durch Sanktionierungen alleine, das zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen, kann keine Resozialisierung herbeigeführt werden", sagt Heck. Auch Psychologe Lösel ist nicht für strengere Regeln, fordert aber, dass bei massiv gewalttätigen Kindern und Jugendlichen schon früher genauer hingeschaut und auch eingegriffen wird. "Man darf nicht darauf hoffen, dass sich das mit der Zeit auswächst." Eine Unterbringung im Heim sei zwar auch nicht ideal, weil sich dort Menschen mit ähnlichen Problemen sammelten. "Aber zumindest kann man durch eine Intensivbetreuung, gute pädagogische und therapeutische Arbeit versuchen, das ganze Problem frühzeitig aufzuarbeiten", sagt Lösel. "Denn wenn man mit 17 oder 18 in die Jugendstrafanstalt kommt, dann ist es noch schwieriger, den Schalter umzulegen."

Und nicht zuletzt helfe es, auf die Opfer zu schauen, sagt Heck, um Straftaten unter Jugendlichen zu verhindern. "Denn eine Vielzahl von jugendlichen Straftätern sind zuerst als Opfer in Erscheinung getreten, bevor sie selbst straffällig wurden."

© SZ/olkl
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