Singapur Der Pastor und das Pop-Sternchen

Sängerin Ho Yeow Sun und ihr Gatte Kong Hee im Oktober 2015 auf dem Weg zum Gericht. Inzwischen wurde auch der letzte Verdächtige verhaftet.

(Foto: Wallace Woon/dpa)

Ein Betrugsfall beschäftigt Singapur: Chew Eng Han, der Gründer einer evangelikalen Kirche, will seine Frau zum Star machen und zweigt dafür 30 Millionen Euro ab. Jetzt muss Chew in Haft.

Von Arne Perras, Singapur

Es sollte aussehen wie ein Anglerausflug. Aber das Boot kam nur zweieinhalb Kilometer weit, bevor es von der Küstenwache abgefangen wurde. So endete der mutmaßliche Fluchtversuch von Chew Eng Han. Der frühere Kirchenmanager, der sich offenbar übers Meer nach Malaysia absetzten wollte, ist in Singapur kein Unbekannter. Er zählt zu den Schlüsselfiguren in einem bizarren Veruntreuungsskandal, der die Bürger seit Jahren mit immer neuen Wendungen verblüfft. Chew muss nun an diesem Donnerstag seine Haftstrafe antreten.

Eine Affäre wie diese hat Singapur noch nicht erlebt, sie handelt von den Verfehlungen der evangelikalen Kirche "City Harvest Church" (CHC) und der Veruntreuung von mehr als 30 Millionen Euro aus der Kasse der Glaubensgemeinschaft. Der Skandal kreist um das charismatische Pastorenpaar Kong Hee und Ho Yeow Sun. Er ist verurteilt und sitzt seine Strafe ab, sie war nicht angeklagt. Doch ohne Gattin Ho ist die Geschichte um Glaube und Betrug, um Gott und Pop, nicht zu erzählen. Denn Pastor Kong zweigte das Geld vor allem für einen Zweck ab: Seine Frau, eine in Asien bekannte Sängerin, sollte den großen Sprung schaffen - nach Hollywood.

Kong wollte Ho zur Pop-Diva machen. Angeblich sollte das auch helfen, neue Schäflein für die Kirche zu werben. Der Plan nannte sich "Crossover Projekt". Popmusik sollte als Lockmittel dienen, Sängerin Ho war das Gesicht der Bewegung. Der Kirchenführer hoffte, auf diese Weise eine weltweite Plattform zu begründen für seine Botschaften, die manche an die "Wohlstandprediger" aus Amerika erinnern. Aber 30 Millionen Euro als Finanzierung für eine Gesangskarriere? Die Singapurer staunten, was der Prozess alles ans Licht brachte, wie Kirchenmanager Bücher manipulierten und Geldtransfers im großen Stil vertuschten. Summen, die für den Kirchenbau bestimmt waren, wurden umgeleitet und dienten dazu, für Ho einen Platz im Rampenlicht zu erobern. Mehr als die Hälfe der veruntreuten Millionen wurde laut Gericht gebraucht, um die Betrügereien zu verschleiern.

Singapur ist sehr auf seinen Ruf als sauberes Geschäftszentrum bedacht

Ho pendelte zwischen Singapur und Los Angeles, wohnte luxuriös in Hollywood. Sie produzierte Alben und Videos, für die auch der Hip-Hop-Künstler Wyclef Jean engagiert wurde. Auf einem der Clips rekelt sich Ho dürftig bekleidet zur Musik, was nicht bei allen Jüngern der Kirche auf Wohlgefallen stieß. Allein Jean soll für seine Arbeiten mit Ho mehr als eine Million Euro kassiert haben. Der Durchbruch gelang der Sängerin in Kalifornien nie, aber es liefen stattliche Kosten auf: Gehälter, Mieten, Zahlungen für Reisen und Hotels, ärztliche Behandlungen, Künstler-Make-ups. Das Gericht erfuhr, dass Ho mehr als 320 000 Euro Bonus- und Vorauszahlungen kassierte, einmal gab es 20 000 Euro als Geburtstagsgeschenk, ein anderes Mal 50 000 Euro als Extra für musikalische Hits.

Offenbar war nur ein kleiner Kreis in das Umleiten des Spendengeldes eingeweiht. Manche Singapurer waren dann auch wütend, als die Haftstrafen von 2015 in einem Berufungsverfahren zwei Jahre später stark verkürzt wurden. Statt der ursprünglichen acht Jahre muss Pastor Kong jetzt nur dreieinhalb Jahre absitzen, die übrigen Verurteilten kamen noch glimpflicher davon. Eine Frau hat ihre Strafe bereits abgesessen.

Und Ex-Schatzmeister Chew, der Mann auf dem Meer? Bis zu seinem verdächtigen Bootsausflug war er auf freiem Fuß, dank einer Kautionszahlung von 650 000 Euro. Anfang Februar hatte Chew aber alle Rechtsmittel ausgeschöpft, am Donnerstag sollte er eine dreijährige Haft antreten. Da entschloss er sich zur Angeltour, die der Staatsanwalt nun als Fluchtversuch wertet. Außer seiner Angel hatte Chew drei Mobiltelefone und 5000 Dollar bei sich. Nach einem Kurztrip sah das nicht aus.

Wer mit Singapurern spricht, spürt die Empörung über die Affäre, einen größeren Veruntreuungsfall haben die Gerichte in den vergangenen Jahren hier nicht aufgearbeitet. Aber es hält sich bei vielen das Gefühl, dass sehr wohlhabende Leute mit eher milden Strafen davongekommen sind. Auch dem Innenminister dürfte die Stimmung nicht entgangen sein, er fordert eine Gesetzesänderung, um bei derartigen Verfehlungen von Führungskräften künftig härtere Strafen zu ermöglichen.

Singapur ist sehr auf seinen Ruf als sauberes Geschäftszentrum bedacht. Das jüngste Ranking von Transparency International spricht dafür, dass diese Anstrengungen im Stadtstaat Früchte tragen. Der Index misst die in Verwaltung und Politik wahrgenommene Korruption, Singapur landet auf dem sechsten Platz (deutlich vor Deutschland, das auf Rang zwölf abgerutscht ist). Umso auffälliger ist es dann aber, wenn ein solcher Skandal auffliegt.

Der Prozess hat CHC Zulauf gekostet. Jedoch sieht es nicht so aus, als würde der Skandal einen Trend umkehren. Evangelikale Kirchen erleben einen Aufschwung in Südostasien, sie finden Anhänger in der Mittelschicht. Und selbst bei CHC hält sich ein treuer Kern, dem Sängerin Ho ein theatralisches Lob aussprach: "Ich danke allen, die für uns beten und uns lieben, trotz all dieser Dinge."