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Sibirien:Gefangen im Rauch

Russland: In der sibirischen Stadt Kemerowo ist in einem Einkaufszentrum ein Feuer ausgebrochen - mindestens 37 Menschen kamen ums Leben.

Der gewaltige Brand in Kemerowo ist eines der schwersten Unglücke in Russland in den vergangenen Jahren.

(Foto: dpa)

64 Menschen sind beim Brand eines Einkaufszentrums in Russland gestorben. Die Zahl wird wohl noch steigen. Kaum mehr als Grundmauern sind vom Gebäude übrig geblieben.

Von Frank Nienhuysen

Die grüne Holzbank ist schon voll, aber irgendwo findet sich immer noch ein Platz für ein paar Blumen. Ein Junge legt Rosen zu all den anderen Rosen, rote und weiße liegen da. Er trägt auch einen Stoffteddy unter seinem Arm, aber es wird nicht klar, ob er ihn schenken möchte oder einfach für sich braucht. Als Trost im Moment der unfassbaren Erschütterung.

Die Einwohner der sibirischen Stadt Kemerowo nehmen Anteil an der Tragödie, als die Tragödie noch im Gange ist. Am Montagnachmittag setzte sich die Suche nach Opfern und Überlebenden fort, das ganze Ausmaß der Brandkatastrophe im Einkaufszentrum "Winterkirsche" war da noch lange nicht abzuschätzen. Offiziell 64 Menschen sind bereits gestorben, doch die Zahl wird sich wohl noch erhöhen. Klar war bereits, dass der gewaltige Brand eines der schwersten Unglücke in Russland in den vergangenen Jahren ist. Kaum mehr als die Grundmauern sind übrig geblieben vom Gebäude an der Lenin-Straße.

In riesige Malls zu gehen, zu bummeln, zu shoppen, gehört für Russen zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, Sonntag inklusive. Auch in Kemerowo. Im hauseigenen Kino wurde gerade der Zeichentrickfilm "Sherlock Gnomes" gezeigt, als auf der oberen Etage des dreistöckigen Einkaufszentrums ein Feuer ausbrach. Ob nun ein Kind fatal auf einem Kindergeburtstag mit einer Kerze gespielt hat, Jugendliche den Brand ausgelöst haben oder ob es einen Kurzschluss gab, stand zunächst nicht fest. Schnell entstand Panik, dichter, dunkler, giftiger Rauch breitete sich aus und legte sich über die Besucher, denn offensichtlich wurden gleich mehrere Brandschutzbestimmungen missachtet. Augenzeugen berichteten in russischen Medien, dass Alarmsysteme nicht funktionierten, Türen und Notausgänge blockiert waren, Rettungskräfte minutenlang gebraucht hätten, um Schutzmasken aufzusetzen.

Viele Menschen starben qualvoll, unter ihnen auch die Eltern und die kleine Schwester eines elf Jahre alten Jungen, der aus Verzweiflung aus dem Fenster des dritten Stockwerks sprang und nun im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Betroffen war auch der Gouverneur des sibirischen Kohlegebiets Kemerowo, Aman Tulejew. Eine elf Jahre alte Verwandte von ihm starb bei dem Brand.

Gegen die Generaldirektorin und drei Mitarbeiter haben die Behörden Ermittlungen aufgenommen. Denn wie konnten derart gravierend die Systeme versagen? Ein Wachmann einer Privatfirma, wie er in Russland üblich ist in öffentlichen Gebäuden, wurde nach russischen Medienberichten festgenommen. Der gelernte Koch soll das Alarmsystem ausgeschaltet und nach Ausbruch des Brandes Durchgangstüren zum Treppenhaus geschlossen und Kinder daran gehindert haben, nach unten zu flüchten.

In Kemerowo wurde eine dreitägige Trauer angeordnet. Die Familien der Opfer erhalten eine Million Rubel (etwa 14 100 Euro). Präsident Wladimir Putin sprach sein "tiefes Beileid" aus. Aber das alles wird vermutlich die Wut nur schwer lindern. Die Kreml-Beauftragte für Kinderschutz, Anna Kusnezowa, forderte, dass nun in allen Einkaufszentren die Sicherheit geprüft werden müsse.

© SZ vom 27.03.2018

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