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Liebesleben in den USA:Unbeliebter Beischlaf

Zusammen unter einer Bettdecke, immer ein Anfang: Viele junge Menschen in den USA haben - wenn überhaupt - nur selten Sex.

(Foto: Danny G/Unsplash)
  • Eine Studie der Universität Chicago zeigt, dass gerade jüngere Menschen in den USA immer öfter ohne Sex leben.
  • Ein Grund ist der Druck, den viele Eltern auf Teenager und junge Erwachsene ausüben, sich während der Schul- und der Studienzeit einzig aufs Lernen zu konzentrieren.

Man kann sicher lange darüber debattieren, welche Aktivitäten im Einzelnen dazu beitragen können, das Leben jenseits von Arbeit, Ausbildung und gesellschaftlichen Verpflichtungen so an- und aufregend wie möglich zu gestalten. Für immer mehr Amerikaner jedoch ist klar: Sex gehört nicht dazu.

Nach einer Untersuchung der Universität von Chicago ist der Anteil der US-Bürger, die in den zurückliegenden zwölf Monaten weder mit dem Partner noch mit einer Affäre oder Zufallsbekanntschaft im Bett gelandet sind, in den vergangenen 20 Jahren von 15 auf 23 Prozent gestiegen. Nun werden natürlich auch die Amerikaner immer älter, was zugleich bedeutet, dass der Teil der Bevölkerung, der sexuell nicht mehr so aktiv ist, wächst. Und tatsächlich: Das ist ein Grund für die Entwicklung - aber nicht der entscheidende.

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Einer von vier jungen Erwachsenen lebt abstinent

Sehr viel bedeutsamer ist: Ausgerechnet die jungen Amerikaner leben immer öfter zölibatär. Während die Anteile der Menschen im vierten, fünften und sechsten Lebensjahrzehnt, die schon lange keinen Sex mehr hatten, seit Ende der Achtzigerjahre mit Werten zwischen sieben und 13 Prozent praktisch unverändert blieben, schoss die Quote in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen regelrecht in die Höhe. Allein im Vergleich mit 2008 hat sie sich beinahe verdreifacht, mittlerweile lebt einer von vier jungen Erwachsenen völlig abstinent. Experten sprechen schon von einer "Sex-Rezession" oder der "großen amerikanischen Sex-Dürre".

Warum aber verzichten so viele Menschen auf etwas, das gerade für junge Erwachsene doch die schönste Neben- oder gar Hauptsache der Welt sein könnte? Die Antwort ist naturgemäß vielschichtig, aber einer der Gründe lautet: Weil viele die Sache gar nicht so schön finden. Die Zahl der jungen Amerikaner, die sich für den eigenen Körper schämen oder immer wieder mit Angstattacken zu kämpfen haben, ist ebenso deutlich gestiegen wie der Anteil derer, die aufgrund des vermehrten Pornokonsums Praktiken ausprobiert haben, die sich eher als schmerz- denn als lustvoll erwiesen, etwa Analsex.

Dating-Apps problematisch

Vor allem aber: Gerade junge Männer leben länger bei den Eltern, ersparen sich die vermeintlichen Mühen einer Partnerschaft und hocken abends lieber vor der Spielekonsole, als sich mit der Kneipenbekanntschaft ins Bett zu verdrücken. Überhaupt finden viele Menschen ihre Sex-Partner nicht mehr am Arbeitsplatz, auf Partys oder beim Sport, sondern suchen in Dating-Apps nach ihnen. Die Apps jedoch haben sich vor allem für Menschen, die nicht mit einem Model-Aussehen gesegnet sind, als sehr ineffizient erwiesen.

Psychologen verweisen zudem auf den großen Druck, den viele Eltern auf Teenager und junge Erwachsene ausüben, sich während der Schul- und der Studienzeit einzig aufs Lernen zu konzentrieren. Während vor 20 Jahren noch das Gros der Teenager während der Zeit an der Highschool erstmals Sex hatte, sagen heute die meisten 18-Jährigen, dass sie keine solchen Erfahrungen gemacht haben. Hinzu komme der zunehmende Individualismus, der zur Folge habe, dass sich junge Menschen weniger um gesellschaftliche Normen und Erwartungen scherten als früher. Auch sei der Verzicht auf Sex ja nicht gleichbedeutend mit dem Verzicht auf jegliche Lustbefriedigung. In der Tat: Die Zahl der Frauen und Männer, die angeben, regelmäßig zu masturbieren, hat sich zwischen 1992 und 2014 jeweils verdoppelt.

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