SZ-Serie "Ein Anruf bei ...":Wie ein Orgasmus die Nase frei macht

SZ-Serie "Ein Anruf bei ...": Ig-Nobelpreisträger Cem Bulut, 37, ist Oberarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum in Heilbronn.

Ig-Nobelpreisträger Cem Bulut, 37, ist Oberarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum in Heilbronn.

(Foto: privat)

Das hat HNO-Arzt Cem Bulut herausgefunden - und dafür den Ig-Nobelpreis erhalten. Ein Gespräch über Sex, Nasenspray und einen schwierigen Versuchsaufbau.

Von Julius Bretzel

Der HNO-Arzt Cem Bulut hat herausgefunden, dass Sex mit Orgasmus die Nase frei macht. Dafür hat der Heilbronner den Ig-Nobelpreis erhalten. Die satirische Auszeichnung ehrt wissenschaftliche Leistungen, die Menschen zum Lachen und Nachdenken bringen. In diesem Fall könnte sie sogar beim Atmen helfen.

SZ: Herr Bulut, wie kamen Sie auf die Idee, Luft und Liebe zu erforschen?

Cem Bulut: Wenn ich ehrlich bin, war es zuerst Selbstbeobachtung. Und dann Wiederholung. Bei mir hatte das immer einen ähnlichen Effekt in Bezug auf die Nasenatmung - deshalb hab ich in meinem Umfeld nachgefragt. Ein paar hatten auch solche Erfahrungen gemacht, aber nicht alle. Da kam mir die Idee, ein Studienprotokoll zu erstellen.

Wie haben Sie Ihre Versuchsteilnehmer und Versuchsteilnehmerinnen gefunden?

Es haben vor allem Kolleginnen und Kollegen aus dem Krankenhaus und deren Partnerinnen oder Partner mitgemacht. Es war gar nicht so schwer, Leute dafür zu begeistern. Wenn Sie es aus rein wissenschaftlicher Sicht sehen, limitiert es natürlich die Studie, dass die Teilnehmer vor allem aus dem medizinischen Bereich sind.

Es ist vermutlich auch schwierig, an verlässliche Aussagen zu kommen und den Versuchsaufbau zu kontrollieren?

Mein Forschungsschwerpunkt ist die subjektive Zufriedenheit von Patienten bei Therapien. Bei dieser Studie haben wir zwei getrennte Messwerte erhoben: einmal als objektiven Parameter die messbare Nasenatmung. Dafür haben wir mit einem Instrument das Ein- und Ausatmen gemessen. Und dann gibt es noch einen subjektiven Wert, den der Proband Ihnen anhand von Fragebögen angibt. Beide Messwerte haben gut korreliert bei dieser Studie. Aber natürlich sind verlässliche Aussagen schwierig.

Wie oft musste gemessen werden?

Wir haben einmal vor dem Sex gemessen, dann direkt nach dem Sex und dann die Messung in gewissen Abständen noch mal wiederholt.

Sind Sie dazu im Schlafzimmer vorbeigekommen?

Die Versuche - oder den Akt an sich - haben die Probanden zu Hause bei sich gemacht, im normalen Umfeld. An einem Abend Sex mit Orgasmus und am anderen Abend bei gleichen Bedingungen anstatt Sex eben Nasenspray.

Und was hilft besser: Sex oder Nasenspray?

Das Ergebnis war, dass bei bestimmten Probanden Sex mit Orgasmus den gleichen Effekt haben kann wie Nasenspray. Für bis zu eine Stunde. Die Besserung ist besonders bei denen aufgefallen, die schon vorher schlechter durch die Nase Luft bekommen. Nach drei Stunden war das Nasenspray dann leider dem Sex wieder überlegen.

Was raten Sie jetzt Ihren Patienten und Patientinnen?

Schwierige Frage. Letztlich muss man weiterschauen, was wirklich die Besserung gebracht hat. Ist es der Sex gewesen? War es die Erregung, die Vorfreude oder der sportliche Akt an sich? Oder eben der Orgasmus, der ja auch sehr viele Hormone und Gefühle freisetzt?

Das schreit ja nach weiterführenden Studien.

Es war angedacht, das genauer zu prüfen. Aber bei uns wollte keiner in die Masturbation-Kontrollgruppe. Verblinden, also sicherstellen, dass die Ärztinnen und die Teilnehmer nicht wissen, wer zu welcher Versuchsgruppe gehört, können Sie bei dieser Studie auch nichts. Selbst wenn Sie das mit dem Verblinden wörtlich nehmen würden.

Augen verbinden hilft nicht, stimmt. Wie wäre es, wenn die Versuchspersonen per Zufallsprinzip einander zugelost würden?

Ich glaube, da würden viele Partner auch nicht mitmachen. Also es wird schwierig, da weitere Ergebnisse zu erhalten.

Vielleicht melden sich ja in der nahenden Erkältungssaison noch Freiwillige.

Oder vielleicht probieren Ihre Leserinnen und Leser es selbst aus und können uns dann einfach berichten.

Die Studie hat durch den Ig-Nobelpreis Aufmerksamkeit bekommen. Gilt "Sex sells" auch in der Wissenschaft?

Ich glaube, die Studie hat es einfach geschafft, die Leute zum Lachen zu bringen. Wahrscheinlich zählt auch der Sex-Aspekt ein bisschen. Aber es kam auch etwas Interessantes heraus. Zugegeben: Ich habe probiert, das Paper ein bisschen humoristisch zu schreiben, da können auch Nicht-Wissenschaftler ein paar Mal schmunzeln.

Die Erkenntnisse sollen also nicht nur für eine freie Nase sorgen?

Es ging mir auch darum, die Kolleginnen und Kollegen zu erheitern. In so einer Situation, in der so viele Forscher und Ärztinnen mit der Pandemie zu kämpfen haben, tut auch mal etwas gut, das zu einer Erheiterung führt. Und das hat die Studie ganz gut geschafft.

© SZ/afis
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