Science Slam Am Ende gewinnt der stahlharte Keksologe

Deutscher Meister im Science Slam: Aniruddha Dutta aus Düsseldorf.

(Foto: Science-Slam.com / Niko Neithardt)

Komplexe Vorgänge mit einfachen Worten erklären und die Zuhörer zum Lachen bringen - das ist das Ziel eines Science Slam. Besuch bei der Deutschen Meisterschaft in Wiesbaden.

Von Titus Arnu, Wiesbaden

Aniruddha Dutta steht vor 4600 Leuten auf der Bühne und drückt auf einen mit Creme gefüllten Doppelkeks. So lange und so fest, bis die harten Kekshälften brechen und die weiche Füllung an den Seiten herausquillt. "Ungefähr so verhält sich Spezialstahl unter großer Belastung", erklärt Dutta. Ein Keks als Modell für Metall? Echt? Das klingt wie eine weiche These, ist es aber nicht, wie sich herausstellen wird. Die Zuhörer sind begeistert: großer Applaus, lautes Gelächter, und jetzt: die Welle! Alle werfen die Arme hoch und rufen dabei "Wuhuuuu!" Im Wiesbadener Rhein-Main-Congresszentrum herrscht eine Stimmung wie bei einem Fußballspiel.

Dabei stehen an diesem Abend lauter Nerds auf der Bühne. Ein Umweltschutztechniker etwa spricht über "Shreddersand", ein Historiker über "semisatanische Holzwürmer", eine Abwasserverfahrenstechnikerin über "Töpfchen mit Köpfchen" und ein Literaturwissenschaftler über grottenschlechte Nazi-Romane. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass sich immer noch dermaßen abseitige Forschungslücken finden. Das Bemerkenswert ist eher, dass man mit solchen Themen eine riesige Halle an einem Samstagabend füllen kann. Vielleicht gibt es doch noch einen Weg aus der Komplexitätsfalle, wie der Psychologe und Politologe Moritz Kirchner in seinem Vortrag aufzeigt - der Erfolg von Populisten in der Politik ist ihm zufolge so groß, weil sich so viele Leute freiwillig verblöden lassen. Nicht beim Science Slam.

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Beim Keksstahl geht es um ein relevantes Thema, obwohl es erstmal nicht danach klingt. Aniruddha Dutta arbeitet beim Max-Planck-Institut für Eisenkunde in Düsseldorf, in seinem zehnminütigen Vortrag "Stealing weight from Steel" (Gewicht von Stahl stehlen) erklärt der 28-jährige Doktorand auf Englisch mit indischem Akzent, wie man Stahl leichter machen kann - etwa um spritsparende Autos zu konstruieren. Bei den Keksen und beim leichteren Stahl komme es auf die richtige Kombination von härteren (Keks) und weichen (Creme) Materialien an, erläutert der aus Bangalore stammende Wissenschaftler, während er Mikroskop-Aufnahmen einer Stahlstruktur zeigt.

Der Metallforscher schafft es, komplexe chemische Vorgänge mit einfachen Worten darzustellen und er bringt seine Zuhörer zum Lachen. So hätte man sich früher den Chemie-Unterricht gewünscht. "Genau das will ein Science Slam erreichen: Barrieren gegenüber der Wissenschaft abbauen, ein relevantes Thema verständlich und möglichst unterhaltsam rüberbringen", sagt Timo Rahmann von der Veranstalterfirma Luups, die 60 bis 80 Science-Slams pro Jahr in Deutschland organisiert, meistens kleinere Events mit einigen hundert Zuhörern. In Regional-Ausscheidungen werden acht Kandidaten ermittelt, die dann im Bundes-Finale antreten. Die Deutsche Meisterschaft in Wiesbaden mit 4600 Besuchern war der bisher größte Science Slam überhaupt: "Wir sind das Rockkonzert der Wissenschaft", sagt Rahmann.

Den ersten Science Slam in Deutschland gab es 2006 in Darmstadt, die deutschsprachige Meisterschaft findet seit 2010 jährlich statt. Die Regeln des Wettbewerbs sind einfach: Jeder Teilnehmer darf maximal zehn Minuten über sein Forschungsgebiet sprechen. Erlaubt ist dabei alles, was der Veranschaulichung dient: Requisiten, Kostüme, Filme, Power-Point-Präsentationen oder Versuchsaufbauten. Nur Pyrotechnik ist aus Brandschutzgründen verboten. "Wenn jemand seine Arbeit vorstellen will, indem er mit Hamstern jongliert, wäre das okay - solange die Hamster dabei nicht brennen", präzisiert Timo Rahmann. Den Sieger ermittelt das Publikum auf hochwissenschaftliche Weise: Wer den lautesten Applaus bekommt, hat gewonnen.

Präzision ist immer wichtig in der Wissenschaft. Das hat sich auch der Teilchenphysiker Jochen Jens Heinrich zu Herzen genommen. Er arbeitet am Cern in Genf, wo er Daten zu Elementarteilchen wie dem Higgs-Boson auswertet. Experimentalphysiker versuchen, kaum messbare Teilchen und Kräfte nachzuweisen, das entspricht nicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen - es ist eher die Suche nach einem Stecknadelkopf in einem Wald. Es geht ihnen um Winzigkeiten und gleichzeitig ums große Ganze: woraus besteht die Welt, und warum? Heinrich spricht über ein "poetisches Paradoxon" und den Sinn einer scheinbar sinnlosen Grundlagenforschung: "Teilchenphysik ist wie Sex, es kann ein praktisches Produkt dabei entstehen, aber allein deswegen machen wir es nicht."

"Sex, Ausscheidungen und Essen funktionieren als Thema immer besonders gut auf der Bühne", sagt Joana Madjarov, Abwasserverfahrenstechnikerin aus Freiburg. Ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit mikrobiellen Brennstoffzellen. In ihrem Fachvortrag "Töpfchen mit Köpfchen" erklärt sie, wie man mit Abwasser aus Kläranlagen Strom gewinnen kann. Eigentlich ein Scheißthema, aber das Publikum hört der 33-jährigen Wissenschaftlerin trotzdem gerne zu. Und Madjarov weiß die große Plattform für ihr Thema zu nutzen: "Sonst hält man seine Vorträge eher auf drögen Fachkonferenzen."

Wie ein surrealistisches Theaterstück

Frauen sind unterrepräsentiert bei Science Slams, auch bei der Deutschen Meisterschaft treten sechs Wissenschaftler und nur zwei Wissenschaftlerinnen an. Anastasia August, Materialforscherin aus Karlsruhe, ist in der Slam-Szene bundesweit bekannt, ihr exzentrischer Vortrag über "Wärmewiderstand" von Metallstrukturen und Paraffin grenzt an ein surrealistisches Theaterstück, hat aber Hand und Fuß. Wenn man es richtig verstanden hat, entwickelt August ein System, mit dem man Rechenzentren und Maschinen kühlen kann, ohne dafür Strom zu verwenden.

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Am Ende überzeugt der stahlharte Keksologe das Publikum am meisten. Aniruddha Dutta löst Martin Werz ab, den Sieger der Deutschen Science Slam-Meisterschaft 2017 in Ulm. Werz hatte seine Präsentation zum Thema "Rührreibschweißen in der Küche" in deftigem Schwäbisch abgehalten und sich dem Publikum dennoch verständlich machen können. Gemessen daran ist es völlig in Ordnung, dass der neue deutsche Science-Slam-Meister ebenfalls einen Akzent hat. Duttas Vortrag zeigt: Mit einem Scherz-Keks ist Wissenschaft viel knackiger.