Schießerei in Charleston:Todesschütze soll wegen neunfachen Mordes angeklagt werden

Police lead suspected shooter Dylann Roof into the courthouse in Shelby, North Carolina

Dylann Roof nach seiner Festnahme in Shelby.

(Foto: REUTERS)

Handelte der Todesschütze von Charleston aus Hass auf alle Schwarzen? Mittlerweile wird immer mehr über Dylann Roof bekannt. Den Ermittlern gestand er nun, dass seine Tat keine Affekthandlung war.

Von Jana Stegemann

Die Tat

Die "Emanuel African Methodist Episcopal"-Kirche ist eine der ältesten und bedeutendsten schwarzen Kirchen im Süden der USA. Schon Martin Luther King predigte 1962 von der Kanzel herab. Eine Stunde soll der 21-jährige Dylann Roof in einer der Kirchenbänke gesessen haben. Umgeben von gläubigen, hauptsächlich afroamerikanischen Gemeindemitgliedern, die sich zur Bibelstunde trafen. Wie jeden Mittwochabend. Dann, es muss etwa 21 Uhr gewesen sein, steht der schlaksige junge Mann auf, nimmt eine Handfeuerwaffe vom Kaliber .45 in die Hand - und tötet neun Menschen.

Die Opfer

Acht Menschen - sechs Frauen und zwei Männer - sind sofort tot. Zwei Männer werden schwer verletzt, ein 74-Jähriger stirbt kurze Zeit später im Krankenhaus. Ein fünfjähriges Mädchen soll sich auf Anweisung seiner Großmutter tot gestellt haben. Es überlebte. Das älteste Opfer, eine Frau, ist 87 Jahre alt. Das jüngste Todesopfer ist eine 26-jährige Frau. Vier der Toten waren Geistliche, darunter auch Clementa Pinckney, ein Senator im Parlament von South Carolina.

"Ich muss es tun", soll Roof gesagt haben, während er seine Waffe fünfmal hintereinander neu geladen hat. "Ihr vergewaltigt unsere Frauen und ergreift die Macht in unserem Land - und ihr müsst weg." Eine Frau in der Kirche lässt Roof bewusst am Leben. Damit sie, so sagt es die Zeugin später lokalen Medien, "alles erzählen kann, was in der Kirche passiert ist".

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Vor der Methodisten-Kirche in Charleston wurden Blumen und Karten zum Gedenken an die Opfer niedergelegt.

(Foto: AFP)

Die entscheidende Zeugin

Das FBI identifiziert den Schützen Stunden später als Dylann Storm Roof. Die Polizei leitet eine Großfahndung ein und fasst Roof 14 Stunden nach der Tat bei einer Verkehrskontrolle in Shelby, etwa 400 Kilometer vom Tatort entfernt. Debbie Dills gibt der Polizei den entscheidenden Tipp. Auf ihrem Weg zur Arbeit kommt ihr ein Auto verdächtig vor. Sie erkennt Roof und informiert die Behörden. Dills verfolgt Roof mehr als 50 Kilometer und gibt den Ermittlern während dieser Zeit immer wieder die aktuelle Position des Fluchtwagens durch.

Roof leistet bei seiner Festnahme keinen Widerstand. Auf den Fotos ist ein kindlich wirkender Mann mit Bubikopf-Schnitt und zerknittertem T-Shirt zu sehen. Ermittler bringen ihn noch am Donnerstag (Ortszeit) in einem Flugzeug aus Shelby in ein Gefängnis nach Charleston.

Der Täter

Den Behörden ist Roof schon länger bekannt. Im Februar wurde er wegen unerlaubten Medikamentenbesitzes festgenommen. Er soll in seinem Leben an mindestens sechs verschiedenen Schulen gewesen sein, mit 17 soll er die High School endgültig abgebrochen haben und Gelegenheitsjobs angenommen haben.

Ein Onkel des Schützen bezeichnete Roof als introvertiert, fast scheu. Er sei in einer Nachbarschaft aufgewachsen, die mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnt wird. Ehemalige Mitschüler berichten von Drogenproblemen Roofs. So wie John Mullins, der in einem CNN-Bericht mit der Aussage zitiert wurde, dass Roof in letzter Zeit mit rassistischen Äußerungen aufgefallen sei: "Wir dachten, das sei ein Scherz von ihm. Wir haben das nie ernst genommen", so der ehemalige Klassenkamerad.

Nach Angaben seines Mitbewohners Dalton Tyler plante Roof die Tat seit sechs Monaten. Die beiden Männer hätten sich vor einem halben Jahr kennengelernt. In der vergangenen Woche sahen sie sich zum letzten Mal. "Er hat die Rassentrennung befürwortet", sagte Tyler in einem Bericht des Senders ABC News, "Er sagte, er will einen Bürgerkrieg starten. Er sagte, dass er so etwas tun wird und sich danach selbst umbringt."

Auf seiner Facebook-Seite ist der mutmaßliche Schütze mit einer Jacke mit den aufgenähten Flaggen der früheren Apartheidstaaten Rhodesien und Südafrika zu sehen - Symbole, die schwarzenfeindliche Hassgruppen in den USA häufig nutzen. Als sie Freunde gewesen seien, sei das Thema ethnische Zugehörigkeit aber für Roof nie ein Thema gewesen, sagte Josef Meek, der mit Roof seit seiner Kindheit befreundet gewesen ist. "Er benutzte das N-Wort nie oder äußerte sich abwertend über Schwarze", so Meek.

Nach dem Umzug Roofs habe man sich fünf Jahre nicht gesehen, vor einigen Wochen aber den Kontakt über Facebook wieder aufgenommen - und Roof sei verändert gewesen. Zuletzt habe er öfters Kommentare zur Tötung des unbewaffneten schwarzen Teenagers Trayvon Martin und den Unruhen in Baltimore nach dem Tod von Freddie Gray abgegeben. "Er sagte, er wollte Segregation zwischen Weißen und Schwarzen", sagte Meek. Es müsse verhindert werden, dass Schwarze "die Welt erobern" und es müsse etwas für die "weiße Rasse" getan werden.

Die Befragung des Schützen

Roof hat die Tat inzwischen gestanden und soll wegen neunfachen Mordes angeklagt werden. Er wird am Nachmittag (Ortszeit) zu einem Gerichtstermin erwartet, teilte die Polizei mit. Weiterer Anklagepunkt sei der Waffenbesitz bei der Durchführung eines Gewaltverbrechens.

Den Ermittlern sagt er während einer Vernehmung am Freitag, dass er einen Bürgerkrieg habe starten wollen. Das berichtet CNN unter Berufung auf Ermittlerkreise. Die Waffe habe er im April selbst in einem Laden in Charleston gekauft. Zuvor hatte ein Ermittler gesagt, der Vater von Roof habe seinem Sohn die Waffe zum 21. Geburtstag geschenkt.

So reagieren Präsident Obama und Kirchenvertreter

Das Verbrechen in der Methodisten-Kirche hat in den USA Trauer und Entsetzen sowie eine erneute Debatte um Rassismus und härtere Waffengesetze ausgelöst.

Der Polizeichef von Charleston, Gregory Mullen, und Bürgermeister Joseph Riley, sprachen von einem "Hassverbrechen". Kirchenvertreter reagierten entsetzt. Die Bluttat sei eine "krasse, rohe Manifestation der Sünde des Rassismus", sagte die leitende Bischöfin der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika, Elizabeth Eaton. In den USA sei der Rassismus real.

Präsident Obama sagte bei einer Ansprache: "Diese Art von Gewalt passiert in anderen Ländern nicht. Nicht in dieser Häufigkeit. Ich musste solche Statements viel zu häufig abgeben", sagte der US-Präsident und regte an, über die weit verbreitete Waffengewalt in den Vereinigten Staaten nachzudenken. "Es steht in unserer Macht, etwas dagegen zu tun."

Die Gouverneurin des US-Bundesstaates South Carolina hat die Todesstrafe für Roof gefordert. Das rassistisch motivierte Verbrechen sei "der schlimmste Hass, den ich und dieses Land in einer langen Zeit gesehen haben", sagte die Republikanerin Nikki Haley im Fernsehsender NBC.

Mit Material der Agenturen

© SZ.de/dpa/AP/jana/dd
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