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Schicksale von Frauen in Indien:Frauen sollen nachts nicht auf die Straße gehen

Wie tief verwurzelt das patriarchalische Denken in der Gesellschaft ist, brachte ein regionaler Anführer der in Delhi regierenden Kongresspartei nach der Vergewaltigung auf den Punkt. Die Studentin, sagte der Mann, hätte zu dieser nachtschlafenden Zeit einfach nicht mehr auf die Straße gehen dürfen.

Seine krude Erklärung bezog er auf den Gründungsmythos der vor 65 Jahren entkolonialisierten Nation: "Nur weil Indien um Mitternacht die Freiheit erlangt hat, bedeutet dies nicht, dass sich Frauen nach Einbruch der Dunkelheit herauswagen können." Ist das die Einzelmeinung eines fehlgeleiteten Provinzfürsten? Nein, das ist weit verbreiteter gesellschaftlicher Konsens. Zumindest bislang.

Die Missachtung von Frauen ist eines der drängenden Probleme, mit dem Indien sich nun auseinandersetzen muss. Der Anfang der Neunzigerjahre auf den Weg gebrachte wirtschaftliche Aufschwung hat eine dunkle Seite, die sich auch in Exzessen wie der nun publik gewordenen brutalen Vergewaltigung ausdrückt. Wie in vielen Schwellenländern hinkt der gesellschaftliche Fortschritt der Ökonomie meilenweit hinterher. Das blendet auch der Westen gerne aus.

US-Präsident Barack Obama hat Indien zur "angekommenen Supermacht" erklärt. Mit Hilfe solcher Schmeicheleien sollen den Entscheidern auf dem Subkontinent weitere Kampfjets und Atomkraftwerke verkauft werden, sollen mehr und mehr westliche Exporte in das Land fließen. Mit Moral haben solche Aussagen aber nichts zu tun.

Auf dem Rücken der Armen

Denn vom indischen Aufschwung profitiert nur eine Minderheit. 300 Millionen Menschen gehören hier inzwischen zu den - mehr oder weniger - Privilegierten. Sie sind Teil der Mittelschicht. Die anderen 800 Millionen Inder bleiben Ausgeschlossene. Der aufkeimende Reichtum wird auf ihrem Rücken generiert. Sie sind die billige Reservearmee für die Produktion, sie arbeiten für Hungerlöhne als Fahrer, Kinderfrauen und Wachmänner der neuen Mittelschicht. Und sie bleiben auf der Strecke.

Der tragische Fall der toten Studentin könnte für Indien zu einem Wendepunkt werden. Selten zuvor hat sich das Land so kritisch mit einem zentralen Teil seiner Rückständigkeit beschäftigt. Das kann einen gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen, auch wenn die Chancen gering stehen. Denn die Kräfte, die vom Status quo profitieren, sind mächtig.

© SZ vom 04.01.2013/feko

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