bedeckt München 20°

Schicksale von Frauen in Indien:Abgetrieben, misshandelt, zwangsverheiratet

Indien Vergewaltigung Neu-Delhi

Auch zwei Wochen nach der Vergewaltigung in Neu-Delhi sind die Protestierenden nicht zur Ruhe gekommen. Viele von ihnen fordern die Todesstrafe für die mutmaßlichen Täter.

(Foto: AFP)

Die Vergewaltiger müssen hängen. Da sind sich der Vater des Opfers und die breite Mehrheit der Inder einig. Doch die Todesstrafe würde das eigentliche Problem nicht lösen. Die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt behandelt die Mehrheit ihrer Frauen immer noch beschämend.

Ein Kommentar von Tobias Matern

Noch ist kein Urteil gesprochen. Noch müssen die indischen Richter klären, welche Strafe angemessen ist für eine Tat, die alle menschlichen Vorstellungen von Grausamkeit übersteigt: Sechs Männer locken in Delhi eine 23-jährige Studentin in einen Bus, malträtieren sie mit einer Eisenstange, vergewaltigen die junge Frau mehrfach und werfen die Schwerverletzte schließlich auf die Straße.

Der Versuch, sie mit dem Bus auch noch zu überrollen, misslingt. Die Frau ist ihren Verletzungen erlegen, ein ganzes Land steht unter Schock. Auch wenn Vergewaltigungen in diesem Land zur Tagesordnung gehören.

Für eine breite Mehrheit der Inder stellt sich die Frage nach dem Strafmaß gar nicht, für sie steht längst fest: Die Vergewaltiger der Studentin müssen hingerichtet werden, schließlich bieten die Gesetze dafür die Möglichkeit, auch wenn in Indien nur äußerst selten Exekutionen durchgeführt werden.

So nachvollziehbar der Schmerz der Angehörigen und ihr Wunsch nach maximaler Rache ist - dass die Täter besonders schnell und besonders hart bestraft werden sollen, drückt den gesellschaftlichen Wunsch nach einer Ad-Hoc-Katharsis aus.

Doch dies würde Indien nicht weiterbringen. Das Land hat ein strukturelles Problem, das sich auch nicht durch die zügige Hinrichtung schwerer Straftäter beseitigen lässt. Um es ganz schlicht auszudrücken: Die gemessen an der Einwohnerzahl größte Demokratie der Welt behandelt die Mehrheit seiner Frauen nach wie vor beschämend.

Heirat mit dem Vergewaltiger

Die Diskriminierung beginnt schon vor der Geburt. Millionenfach werden Mädchen abgetrieben. Das offizielle Verbot ändert daran nichts. Vor allem arme Schichten fürchten die nach wie vor horrende Mitgift, die sie in die spätere Ehe ihrer Tochter einbringen müssten - so will es die gesellschaftliche Tradition.

Aber auch in vermeintlich aufgeklärten Kreisen gibt es Frauen, die sich erst zu den Männern an den Tisch setzen (dürfen), wenn diese schon gegessen haben. Tag für Tag wird allein in der Hauptstadt mindestens eine Vergewaltigung zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer soll nach Angaben von Experten zehn Mal mehr Fälle verbergen. Schlimmer noch: Nicht selten müssen vergewaltigte Frauen ihren Peiniger heiraten. Ihre Familien wollen es so, um die Ehre nicht zu beschmutzen.

Frauen sollen nachts nicht auf die Straße gehen

Wie tief verwurzelt das patriarchalische Denken in der Gesellschaft ist, brachte ein regionaler Anführer der in Delhi regierenden Kongresspartei nach der Vergewaltigung auf den Punkt. Die Studentin, sagte der Mann, hätte zu dieser nachtschlafenden Zeit einfach nicht mehr auf die Straße gehen dürfen.

Seine krude Erklärung bezog er auf den Gründungsmythos der vor 65 Jahren entkolonialisierten Nation: "Nur weil Indien um Mitternacht die Freiheit erlangt hat, bedeutet dies nicht, dass sich Frauen nach Einbruch der Dunkelheit herauswagen können." Ist das die Einzelmeinung eines fehlgeleiteten Provinzfürsten? Nein, das ist weit verbreiteter gesellschaftlicher Konsens. Zumindest bislang.

Die Missachtung von Frauen ist eines der drängenden Probleme, mit dem Indien sich nun auseinandersetzen muss. Der Anfang der Neunzigerjahre auf den Weg gebrachte wirtschaftliche Aufschwung hat eine dunkle Seite, die sich auch in Exzessen wie der nun publik gewordenen brutalen Vergewaltigung ausdrückt. Wie in vielen Schwellenländern hinkt der gesellschaftliche Fortschritt der Ökonomie meilenweit hinterher. Das blendet auch der Westen gerne aus.

US-Präsident Barack Obama hat Indien zur "angekommenen Supermacht" erklärt. Mit Hilfe solcher Schmeicheleien sollen den Entscheidern auf dem Subkontinent weitere Kampfjets und Atomkraftwerke verkauft werden, sollen mehr und mehr westliche Exporte in das Land fließen. Mit Moral haben solche Aussagen aber nichts zu tun.

Auf dem Rücken der Armen

Denn vom indischen Aufschwung profitiert nur eine Minderheit. 300 Millionen Menschen gehören hier inzwischen zu den - mehr oder weniger - Privilegierten. Sie sind Teil der Mittelschicht. Die anderen 800 Millionen Inder bleiben Ausgeschlossene. Der aufkeimende Reichtum wird auf ihrem Rücken generiert. Sie sind die billige Reservearmee für die Produktion, sie arbeiten für Hungerlöhne als Fahrer, Kinderfrauen und Wachmänner der neuen Mittelschicht. Und sie bleiben auf der Strecke.

Der tragische Fall der toten Studentin könnte für Indien zu einem Wendepunkt werden. Selten zuvor hat sich das Land so kritisch mit einem zentralen Teil seiner Rückständigkeit beschäftigt. Das kann einen gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen, auch wenn die Chancen gering stehen. Denn die Kräfte, die vom Status quo profitieren, sind mächtig.

© SZ vom 04.01.2013/feko

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite