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Diskussion über "Mohrenköpfe":Schaum im Mund

Süß, hellbraun, dunkelbraun oder weiß: Kinder lieben Schaumküsse. Erwachsene diskutieren auch mal gerne über deren Namen.

(Foto: imago stock&people/imago stock&people)

Mohrenköpfe? Schaumküsse? In der Schweiz wird seit Tagen über den korrekten Namen der Süßigkeit gestritten. Die betroffene Firma wehrt sich beharrlich gegen eine Umbenennung.

Von Titus Arnu

Pappige Füllung aus Eiweißschaum und Zucker, knusprige Waffel, dunkler Schokoüberzug: Ob man die Dinger mag, ist Geschmackssache. Wie man sie nennt, kann allerdings schnell zum Politikum werden. Der Duden weist sachlich darauf hin, dass der Begriff "Mohrenkopf" veraltet und diskriminierend sei. Einen "Negerkuss" sollte man schon gar nicht in den Mund nehmen. Der süße Snack kommt heutzutage auf politisch korrekte Weise eher als "Schokokuss" oder "Schokoschaumgebäck" daher.

Das Schweizer Familienunternehmen Dubler allerdings produziert in Waltenschwil (Kanton Aargau) seit 1946 ausschließlich "Mohrenköpfe" - und das soll auch so bleiben. Während andere Hersteller auf unverdächtige Schaumküsse umschwenkten, hält der Marktführer an dem alten Namen fest. "Ich bezeichne mein Produkt doch nicht mit einem zweitklassigen Namen!", sagt der Firmenchef, der Mails mit "Robert Mohrenkopf Dubler" unterzeichnet. Die Rassismus-Diskussionen nehme er zur Kenntnis und auch ernst, sagt Dubler, ein 73 Jahre alter Mann mit weißem Schnauzbart, "aber eine Namensänderung bringt doch nichts fürs Große und Ganze".

Andere sehen das Große und das Ganze und auch den Mohrenkopf etwas kritischer. Im Zuge der weltweiten Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd hat nun die Schweizer Migros-Genossenschaft Dublers Mohrenköpfe aus den Regalen genommen, allerdings nur in einzelnen Züricher Filialen. Auch die Supermarktketten Spar und Volg denken Schweizer Medien zufolge darüber nach, ob man in diesen Zeiten noch "Mohrenköpfe" verkaufen sollte. Eine Twitter-Nutzerin hatte die Debatte losgetreten, indem sie Migros damit konfrontierte, dass die Süßigkeit "rassistisch konnotiert" sei. "Die Reaktion ist unproportional", meint Robert Dubler, "und sie deutet doch nur auf ein größeres Problem hin, den Rassismus. Dafür kann man aber nicht eine Süßigkeit verantwortlich machen!"

Der "Mohrenkopf" wurde von einem Deutschen erfunden

Kann man eben doch, findet man bei der GRA, einer Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus mit Sitz in Zürich. Die Stiftung listet den Mohrenkopf als belasteten Begriff in einer Reihe mit dem Verb "türken", der "Balkanisierung" und dem "Neger" auf. Die GRA weist darauf hin, "dass ein deutscher Konditor den Namen Mohrenkopf zu einer Zeit erfand, in der das zweite deutsche Kaiserreich (1871-1918) mit einer aggressiven Kolonialpolitik die einheimische Bevölkerung in Ost-, Südwest- und Westafrika unterwarf" - und dass Menschen aus den Kolonien in europäischen Städten damals in sogenannten Völkerschauen vorgeführt wurden. Aus dieser Zeit stammen auch der Sarotti-Mohr, diverse Mohren-Apotheken, Gasthäuser namens "Zu den drei Mohren" oder die Berliner Mohrenstraße.

Die weltweite Black-Lives-Matter-Bewegung hat auch Debatten um solche Begrifflichkeiten neu entfacht. Sollen Straßen, Gebäude und Süßigkeiten mit dem Wort "Mohr" im Namen alle umbenannt werden - oder handelt es sich lediglich um traditionelle Bezeichnungen, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind? Das althochdeutsche Wort "mor" stammt vom lateinischen "maurus" und wurde ursprünglich für Bewohnerinnen und Bewohner den antiken Mauretaniens verwendet, später wurden alle Personen schwarzer Hautfarbe als Mohren bezeichnet. Mohren kamen in altertümlichen Kinderbüchern wie dem Struwwelpeter vor, im Theater ("Othello, der Mohr von Venedig") und in der Werbung ("Sarotti-Mohr").

Ist das M-Wort genauso schlimm wie das N-Wort? Ja, findet etwa Mnyaka Sururu Mboro von der Organisation Berlin Postkolonial e. V., die sich mit der versteckten Kolonialgeschichte der deutschen Hauptstadt beschäftigt. Er fordert zusammen mit anderen Aktivisten die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin-Mitte. Die Bezeichnungen "Neger" oder "Mohr" empfindet Mboro als diskriminierend. Seit mehreren Jahren wird immer wieder für eine Umbenennung der Mohrenstraße demonstriert, Aktivisten dekorierten Straßenschilder mit zwei Umlauten zur Möhrenstraße um, ab und zu werden die Schilder ganz abgeklebt, die U-Bahn-Station "Mohrenstraße" wurde zwischenzeitlich in "George-Floyd-Straße" umgetauft.

Aktivisten schlugen vor, das Ausgsburger Hotel "Drei Mohren" umzubenennen in "Drei Möhren"

"Mohren" geistern immer noch in vielen deutschen Städten herum. In Frankfurt gibt es seit Jahren Diskussionen um zwei Apotheken, die das M-Wort im Namen führen. Die Kommunale Ausländervertretung (KAV), die die Bezeichnung "Mohr" als rassistisch empfindet, hatte 2018 beantragt, dass die Stadt sich für die Umbenennung der beiden Apotheken einsetzen solle, doch der Stadtrat lehnte dies ab. Auch das Hotel "Drei Mohren" in Augsburg hält an seinem Namen fest, obwohl eine Ortsgruppe von Amnesty International eine Online-Petition für die Abschaffung mehr als 1000 Stimmen gesammelt hatte. Der Name habe seinen Ursprung in der kolonialen Vergangenheit Deutschlands, heißt es in der Begründung von Amnesty. Das Hotel verweist auf eine Legende, nach der drei abessinische Mönche Ende des 15. Jahrhunderts dort Quartier fanden. Die Aktivisten lieferten gleich einen Vorschlag zur Umbenennung mit: "Drei Möhren".

Die Mohr-Debatte beschäftigt die Schweiz jedenfalls bereits seit einiger Zeit, und natürlich nutzen auch rechtspopulistische Politiker über die Landesgrenzen hinweg das Thema zu ihren Zwecken, etwa der frühere italienische Innenminister Matteo Salvini, der sich via Twitter darüber ausließ.

Mittlerweile hat ein "Komitee gegen rassistische Süßigkeiten" per Online-Petition auf der Plattform change.org bereits 1500 Stimmen gegen den Mohrenkopf gesammelt und fordert: "Dekolonisiert die Patisserie!" Doch für den Schweizer Mohrenkopf-König Robert Dubler kommt eine Namensänderung trotz der umfassenden Aufregung überhaupt nicht infrage. Seinem Geschäft hat die Mohrenkopf-Debatte jedenfalls nicht geschadet. Im vergangenen Jahr hat sein kleines Unternehmen zehn Millionen Stück verkauft. Momentan sei die Nachfrage doppelt so hoch wie sonst.

© SZ
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