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Sadomaso-Prozess in Potsdam:"Ich habe sie in unser beider Abgrund verloren"

Panisch habe er versucht, sie wiederzubeleben. Als dies scheiterte, habe er sich betrinken und umbringen wollen. Er packte seine Sachen, wusch die Pfanne ab, schrieb fünf Abschiedsbriefe und einen Brief an die Polizei. Dazu legte er seinen und Anjas Personalausweis. Doch es sei ihm weder gelungen, seine Pulsadern zu öffnen, noch sich mit seinen Schnürsenkeln am Bett zu strangulieren oder mit einer Plastiktüte zu ersticken. Vor dem Sprung von einer Ruine habe ihn der Mut verlassen.

Stattdessen verschickte er am Montagvormittag Botschaften über den Tod der jungen Frau: "Es ist bei einer unserer gemeinsamen Vorlieben passiert", schrieb er einer Bekannten. "Irgend etwas ist dabei schiefgegangen. Es war unser beider Abgrund, in dem ich sie verloren habe." Die Angeschriebenen alarmierten die Polizei, die F.s Handy ortete.

Sie sagte ihm, sie wolle entführt und vergewaltigt werden

Akribisch untersuchte nun das Landgericht Potsdam das Sexualleben des Angeklagten, befragte unter Ausschluss der Öffentlichkeit dessen Ex-Freundinnen und schaute sich einige von Tausenden Videos von dessen Computer an. Auf diesen soll die Tötung von Frauen mit anschließendem Sex dargestellt sein.

Im Mai 2008 kam Michael F. mit der schlanken Blondine über die "Modelkartei" in Kontakt. Diese Internetplattform nutzen Hobby-Fotografen und Models aller Couleur. Sie verabreden sich zu Shootings und diskutieren ihre Bilder. Viele tragen einen Spitznamen: Das Hobby-Model Anja P. nannte sich "nesthel", der Angeklagte "cly bawn". Sie schwärmte für seine Fotos, er für ihre Posen als Model. Das war Balsam für die naive, selbstunsichere Frau, die sich erst seit wenigen Monaten in der Gothic- und Sadomaso-Szene bewegte. Sie gestand ihm, sie habe kranke Phantasien, wolle entführt und vergewaltigt werden.

In stundenlangen Chats diskutierten die beiden ihre erotischen Vorlieben: Anja P. stellte sich vor, sie sei gefesselt, während er sie würge. Sie schrieb, sie habe Angst, aber es bereite ihr Lust, ihr Leben in die Hände eines Fremden zu legen. Er ergänzte, sie solle bei ihm das Fliegen lernen. Er wolle sie auffangen. Sie meinte, er solle nicht zu viel von ihr erwarten.

Das erste Geschenk: Ein Ring der Unterwerfung

Drei Wochen vor ihrem Tod versteckte F. für sie einen Schatz in Beelitz. Die junge Frau sollte allein suchen, doch sie nahm ihre beste Freundin und ihren Freund Jan D. mit. Als ihre Begleiter das Gefundene erkannten, waren sie entsetzt. Es war ein sogenannter Ring der O, benannt nach dem berühmten sadomasochistischen Roman "Geschichte der O" von Dominique Aury, ein Fingerring mit einer aufgesetzten Kugel, die von einem kleinen, beweglichen Ring durchbohrt ist.

Wer ihn am rechten Ringfinger trägt, signalisiert seinem Herrn die Unterwerfung. Beide Freunde meinten, sie fänden es komisch, diesen von jemandem anzunehmen, den man nur vom Internet kennt. "Für mich war es viel zu viel", sagt Anjas Freundin dem Gericht. "Da würde ich Panik bekommen. Man unterwirft sich nur jemandem, dem man hundertprozentig vertraut."

Die Beschenkte fühlte sich unwohl in dieser Situation, erinnert sich ein Zeuge, der den Disput mitbekam. Ihren Freunden versprach sie, den Ring nicht anzunehmen. Der Schenker sei sowieso nicht ihr Typ.

Tatsächlich aber trug sie ihn beim Chat mit F., das konnte er in der Webcam sehen. Er verschenke einen solchen Ring zum ersten Mal, schrieb er ihr. Er solle nicht so "psycho" gucken, tippte die junge Frau in ihre Tastatur. "Ich bin psycho", lautete die Antwort. Sie fragte: "Du bringst mich doch nicht wirklich um?" Er schrieb: "Das wäre viel zu schade." Anja P. fragte, ob er ihr bei dem geplanten Treffen auch nicht weh tun würde? Sie ergänzte: "Wenn's passiert, was soll's? Sterben muss eh jeder. Vergewaltigungen machen mir ja Spaß. Du kannst ja dann auf meinem Grabstein tanzen."

Unfall, Beihilfe zum Selbstmord oder Totschlag?

War die junge Frau todessehnsüchtig? Nein, sagen eine Ermittlerin und ein Ex-Freund von Anja P. "Sie hat darüber nachgedacht, aber sie wollte noch viel unternehmen", so der junge Mann. Sie habe sich zuletzt isoliert gefühlt: Ihre beste Freundin würde sie bevormunden, genauso ihr Freund Jan D. Am Montag vor ihrem Tod beendete sie die Beziehung zu ihm per SMS. Dennoch war sie traurig, als er sich nicht bei ihr meldete.