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Protest gegen russische Regierung:Ruhet in Unfrieden

Schwarzer Stein auf weißem Schnee: ein falscher Grabstein für den russischen Präsidenten.

(Foto: activatica.org)

Anonyme russische Aktivisten stellen im ganzen Land Grabmale für Präsident Putin und andere Politiker auf. Sie nennen ihre Aktion: "Was das Volk wirklich will."

Von Silke Bigalke, Moskau

Die alten Gräber auf dem Smolensker Friedhof in Sankt Petersburg liegen friedlich nebeneinander, manche sind schon mit Efeu überwachsen. Doch an den halb verwitterten Kreuzen hängen Fotos, frisch gedruckt und in Farbe, auch das Bild des russischen Präsidenten. Ein schwarzer Trauerrahmen deutet sein angebliches Ableben an, am Nachbargrab ist das Bild des Premierministers befestigt. Ein Stück weiter ruht der amtierende Moskauer Bürgermeister neben dem wiedergewählten Gouverneur von Sankt Petersburg, so jedenfalls denken es sich die Aktivisten, die die Fotos aufgehängt haben. Den ganzen Freundeskreis von Wladimir Putin haben sie auf diese Weise begraben und ihre Aktion "Was das Volk wirklich will" genannt. Die Täter werden noch gesucht. Ein Polizeihund, meldete die Online-Zeitung Fontanka.ru, verlor ihre Spur am Friedhofstor.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kreml-Kritiker ihrer Fantasie über eine Zeit nach Putin freien Lauf lassen. Der erste falsche Grabstein für den Präsidenten tauchte im März in Nabereschnyje Tschelny auf, die Stadt liegt in der Republik Tatarstan. Fotos zeigen Putins Porträt auf schwarzem Stein in weißem Schnee. "Putin hat das freie Internet beerdigt - die Bürger von Nabereschnyje Tschelny haben Putin beerdigt", lautete der Spruch, der online mit dem Bild veröffentlicht wurde. Ein Aktivist kam für 28 Tage in Haft, ein weiterer, der ihm beim Tragen geholfen hatte, für sechs.

Das Foto von Putins Grabstein war schon am nächsten Tag von den Seiten der russischen Facebook-Kopie Vkontakte verschwunden. Dank Internet verbreitete sich die Idee dennoch rasch - in mehreren Städten wurden Putin-Grabmale errichtet. Jenes in Sankt Petersburg stand zentral vor der Isaaks-Kathedrale. Es war aus Pappe, die Inschrift knapp gehalten: Wladimir Putin, 1952-2019, "hat das Volk Russlands verraten". Dazu der Name der Gruppe Agit Rossija, die sich selbst als loses Netzwerk oft anonymer Aktivisten beschreibt.

Es drohen bis zu fünf Jahre Haft

Der Sprecher der Gruppe, Grigorij Kudrjawzew, nennt als gemeinsames Ziel, Putins Propaganda zu bekämpfen. Kudrjawzew saß wegen der Grabstein-Aktion neun Tage in Haft, obwohl er sagt, er sei daran nicht beteiligt gewesen. Auf ihrem Kanal im Messenger-Dienst Telegram hat dieselbe Gruppe nun Fotos vom Smolensker Friedhof veröffentlicht. Die Polizei ermittelt wegen "Entweihung der Leichen von Verstorbenen und ihrer Grabstätten", was bis zu fünf Jahre Haft bedeuten könnte.

Einziger Verdächtiger ist bisher Pawel Iwankin, Redakteur des Telegram-Kanals von Agit Rossija. Eine anonyme Quelle habe ihm die Fotos zugespielt, er selbst habe den Friedhof nie betreten. Vor Gericht sagte Iwankin, er habe sich nicht mal getraut, alle Bilder zu veröffentlichen. Eines habe Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow am Grabkreuz gezeigt, er verstehe, "wie das hätte enden können". Kadyrow ist nicht bekannt dafür, dass er Spaß versteht.

Auch den russischen Rapper Timati haben die Unbekannten beerdigt, einen erklärten Fan Putins. In seinem Song "Moskau" rappte Timati kürzlich gegen die Proteste dort und voller Lob für den Bürgermeister der Stadt. Der Song erhielt in nur drei Tagen mehr als eine Million Dislikes auf Youtube, wo ihn Timati inzwischen gelöscht hat - wohl um den Shitstorm zu beerdigen.

© SZ vom 26.09.2019/olkl
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