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Rio de Janeiro:Größer, höher, wackliger

Es geht um Aufstieg, Abstieg, Titel und viel Geld: Dieses Jahr wird der Wettbewerb der Samba-Schulen in Rio überschattet von einer rätselhaften Unfallserie.

Ein alter Spruch besagt, dass in Brasilien nur zwei Dinge gut organisiert sind: die Unordnung und der Karneval. Damit sind allerdings nicht die bunten und unbeschwerten Straßenumzüge gemeint, sondern der knallharte Wettbewerb von Rios besten Sambaschulen: Sie konkurrieren in einem Ligasystem mit hochkomplexem Regelwerk. Beim jährlichen Defilee im Sambadrom wird um Aufstieg und gegen Abstieg gekämpft, in der höchsten Karnevalsklasse ("Grupo Especial") geht es um viel Geld und den Titel. Die Meisterschaft im Samba bedeutet in dieser Stadt mindestens so viel wie die im Fußball. Aufwendig organisiert ist die Veranstaltung allemal - ob sie gut organisiert ist, steht nach der Saison 2017, die mit der Preisvergabe an diesem Mittwochabend zu Ende geht, aber in Frage, mehr denn je.

Eine Reihe von Vorfällen wirft Schatten über die selbsternannte "größte Show des Planeten". Von den zwölf Sambaschulen der Grupo Especial kamen diesmal nur acht schadlos ins Ziel. Bereits in der Nacht zum Montag war ein Festwagen des Erstliga-Aufsteigers "Paraíso do Tuiuti" beim Einbiegen in die Gerade des Sambadroms aus der Kurve geraten und hatte 20 Menschen im Publikum verletzt. Die Show in der Nacht zum Dienstag begann mit der Irrfahrt eines Wagens der Schule "União da Ilha", der gegen ein Studio des Fernsehsenders Globo prallte, verletzt wurde niemand. Beim Konkurrenten "Mocidade" brach wenig später eine Plattform von einem Wagen ab und stürzte samt Sambatänzerin zu Boden, sie kam offenbar mit ein paar Schürfungen davon. Der gravierendste Vorfall ereignete sich beim dreimaligen Champion "Unidos da Tijuca". Die gesamte Dachkonstruktion von einem der sechs Umzugswägen der Schule brach zusammen und begrub mehrere Tänzerinnen und Tänzer unter sich. Einige waren minutenlang unter den Brettern eingeschlossen, sie mussten von Feuerwehrleuten befreit werden. Mindestens elf Menschen wurden verletzt, zwei offenbar schwer.

Natürlich wurde weitergetanzt. Alles andere hätte ja den Abstieg in die zweite Liga bedeutet

Kenner von Rios Karnevalsgeschichte behaupten, sie hätten so etwas noch nie gesehen. Und jetzt rätselt die ganze Stadt, wie es zu dieser beispiellosen Pannenserie von vier Unfällen in zwei Nächten kommen konnte. Manche sagen, es passe einfach ins Bild, derzeit läuft in Brasilien ja fast alles schief. Warum sollte da der weltberühmte Karneval verschont bleiben?

Andererseits ist nicht zu leugnen: Die Konkurrenz wird immer härter - und die Umzugswägen werden damit aufwendiger, verspielter, größer, höher und wackliger. Dass sich diese abenteuerlichen Konstruktionen aus Holz, Hartschaum, Metall und bunten Tüchern überhaupt bewegen lassen, während Dutzende auf ihnen herumtanzen, ist ohnehin ein Wunder. Der Direktor von "Unidos da Tijuca" wehrte sich am Dienstagmorgen aber vehement gegen den Verdacht, seine Sambaschule habe bei der Statik ihrer Wägen geknausert.

Wie unerbittlich dieses Spektakel ist, zeigte sich auch daran, dass die meisten der 3500 Tänzerinnen und Trommler von "Unidos de Tijuca" einfach fröhlich weitermachten, als Rettungssanitäter die Verletzten zwischen ihren Reihen abtransportierten. Auch der Zug von "Paraíso do Tuiuti" hatte nach dem schweren Unfall am Vortag seinen Weg an den 70 000 Zuschauern vorbei fortgesetzt. Alles andere wäre ja der sichere Abstieg in die zweite Liga gewesen.

Die Urteilsverkündung am Mittwochabend (Ortszeit) nun läuft etwa ab wie beim Eurovision Song Contest. Für "Unidos da Tijuca" wird es da in jedem Fall eng. Fest steht bereits, dass es Punktabzüge gibt, weil sich die Tanzkarawane nach dem Unfall fast eine halbe Stunde lang nicht von der Stelle bewegte - und deshalb die zulässige Gesamtvortragszeit von 75 Minuten überzog. Außerdem fuhren auf dem Dach des Unglückswagens mehrere Feuerwehrleute mit ins Ziel. Auch das dürfte nach allgemeinem Expertenurteil wertvolle Punkte kosten.