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Missverständnisse:Ray Ban in der Baumschule

Collage: Stefan Dimitrov

Was, Knoblauchschälen muss gar nicht kompliziert sein? Und Ray Ban ist kein cooler Designer? Man ist nie zu alt, recht banale Dinge zu kapieren. Ein paar Lange-Leitung-Bekenntnisse.

Von SZ-Autoreninnen und Autoren

Angeblich wird weiser, wer älter wird. In manchen Bereichen mag das stimmen, mehr Erfahrung, mehr Erkenntnis, das ist die Gleichung, aber die geht nicht immer auf. Das Netz ist voll von späten Erleuchtungsmomenten, in denen man als mittelalter Mensch ganz schön alt aussieht: "Wie alt wart ihr, als ihr geblickt habt, dass es de-odorant heißt und nicht deo-dorant?" fragte vor Kurzem ein Nutzer auf Twitter und bekam als eine Antwort: "Hmgrpfunvierzich Jahre." Erstaunlich aber wahr: Auch SZ-Redakteure und Redakteurinnen haben Wissenslücken. Eine Auswahl.

Das Mysterium des Kaport

Kaport sah man stets als urdeutsches Wort. Schließlich steckt das Wort "Ort" drin, also ein Ort, an dem man sein Auto unterstellen kann, über das "Kap" machte man sich nicht länger Gedanken, aber zumindest das K ist ja auch nicht in allen Sprachen beliebt. Außerdem ganz gegenständlich: Was, bitte, ist deutscher als ein Unterstand für den Wagen, womöglich noch von Glyzinien bewachsen, vor dem Reihenhaus stehend, unter dem das Gefährt sauber und trocken bleibt? Die einzigen Sorgen sind das unansehnliche Laub auf dem durchsichtigen Plexiglasdach und die dicken Stämme des Gewächses, die den "Kaport" irgendwann zu sprengen drohen. Nur, dass es den "Kaport" gar nicht gibt. Der Duden fragt passenderweise: "Meinten Sie 'kaputt'?" Und er mag zwar spießig anmuten, aber deutsch ist er keineswegs, handelt es sich doch um den "Carport", den Hafen für das Auto. Veronika Wulf

Entblätterung der Knoblauchzehe

Die Küche ist ein Ort voller Rätsel. Gewaltige Berge frischen Spinats, die erst in der Pfanne auf ein Zehntel ihres Volumens zusammenschrumpfen. Garnelen, deren Darmausgang man vor dem Verzehr sorgsam abtrennen sollte. Lange hat man gebraucht, um beim Lammcurry den richtigen Zeitpunkt für die Chili-Beigabe zu erkennen (nicht zu früh, sonst zu scharf) oder großartige Erfindungen wie den Bratschlauch beim Zubereiten von Gänsekeulen angemessen zu würdigen. Oft fühlte man sich genauso überfordert wie jener chinesische Tourist, den man in der Münchner Augustiner-Gaststätte einmal am Nachbartisch beim Auslöffeln des Weißwurst-Wasserbades beobachten konnte. Augenscheinlich hielt er die Flüssigkeit für eine Suppe. Und Jahrzehnte brauchte es, bis man erkannte, dass man Knoblauchzehen, von denen man bei der Zubereitung exotischer Speisen gerne möglichst viel verwendet, nicht mühsam mit spitzen Fingern enthäuten musste. Man hätte sich mit dieser lästigen Arbeit bis zum Lebensende abgefunden, wenn nicht - ja, wenn nicht irgendwann dieser Freund neben einem gestanden wäre, das Brotmesser einmal flach und fest auf die Zehe gedrückt hätte und damit die Schale löste. "Was? Den Trick kennst du nicht?", fragte er. "So geht es doch am einfachsten!" Ach, was haben wir uns geschämt. Martin Zips

Wer zum Teufel ist Ray Ban?

Selbst Modemuffel kommen irgendwann mal in Kontakt mit Ray Ban. Die klassische "Aviator" gilt als Inbegriff der coolen Sonnenbrille, das Modell existiert seit 1937. Aber wer ist wohl dieser Ray Ban? Ein Kollege von Tom Ford, Ralph Lauren und Tommy Hilfiger? Warum hat man dann aber nie ein Foto gesehen von diesem weltweit erfolgreichen Designer? Vermutlich sah er früher so aus wie Tom Cruise in "Top Gun". Mutmaßlich lebt er seit Jahrzehnten zurückgezogen auf Long Island wie andere Milliardäre, die man nie in der Öffentlichkeit sieht, ob mit oder ohne Brille. Ein kurzer Blick in die Firmengeschichte verschafft klaren Durchblick: Im Jahr 1929 beauftragte ein gewisser John MacCrady, Generalleutnant der US-Armee, die Firma Bausch & Lomb, eine Sonnenbrille für Militärpiloten zu entwickeln. Sie sollte Kopfschmerzen und Übelkeit lindern, die durch das grelle Licht und das intensive Blau des Himmels hervorgerufen wurden. Die Brille hat die Aufgabe, Sonnenstrahlen (englisch: ray) effektiv zu blockieren (ban). Titus Arnu

Eine natürliche Lehranstalt

Wer immer in seinem Sprengel geblieben ist, der hat von anderweitigen Lehr- und Erziehungsanstalten wenig Ahnung. Es soll Schulen geben, in denen es nur Mädchen gibt. Oder Schulen ohne Noten. Andere soll man nur betreten dürfen, wenn Papa oder Mama einen dicken Geldbeutel haben. Manch ein Kindergarten bringt den Kleinen Chinesisch bei, andere sind im Wald. Und in der Baumschule, nun ja, da machen sie sicherlich was mit Bäumen. Als beim Erklärspiel "Tabu" der Begriff "Baumschule" kommt, dürfte das kein Problem sein, die Mitspieler müssten gleich draufkommen: "Junge Menschen lernen da was über Pflanzen." Ratlose Blicke. "So eine besondere Bildungseinrichtung für Natur" und so weiter. Stirnrunzeln. Die Zeit läuft ab. "Mensch, Baumschule, ist doch klar!" Schallendes Gelächter. Das ältere Kind fällt fast vom Stuhl und kringelt sich. Eine Blitzrecherche ergibt, dass Bäume aufgeschult werden, was so viel wie neu gepflanzt oder umgepflanzt bedeutet. Mit Lehranstalt hat diese Schule nichts zu tun. Außer dass man sich zum Baumschuler ausbilden lassen kann. Thomas Hummel

Ein geheimnisvoller Zacken

Wer zu denjenigen gehört, die ein Auto nur steuern, wenn es gar nicht anders geht, tankt praktisch nie. Dafür ist in den wenigen Fällen, in denen es dann doch mal sein musste, erstaunlich viel Aufregendes passiert. Unvergessen der Angstschweiß, als man sich beim Hinaufzuckeln des sehr steilen Zirler Berges in Österreich fragte, wie lange eigentlich schon die Tankleuchte Alarm schlug, und man mit den letzten Tropfen an eine Zapfsäule rollte. Auch den Miet-Fiat mit irgendeinem kryptischen Kraftstoff einer unbekannten Marke zu befüllen: Keine gute Idee, mehr als Tempo 80 ging nicht mehr auf der südfranzösischen Autobahn. Die Suche nach dem Tankdeckel bei sonstigen Mietautos gehörte da eher zum Standard, mit der erstaunlichen Treffsicherheit, sich beim ersten Tank-Stopp genau für die falsche Seite zu entscheiden. Bis nach fast 30 Jahren unfallfreiem Fahren ein Freund einen erstaunt anschaute: Von welcher Seite man das Auto mit Sprit zu befüllen habe, zeige einem doch bei vielen Autos sofort der kleine Zacken an der Tankleuchte im Cockpit - der rage entweder nach links oder nach rechts weg. Aber wie soll man den sehen, wenn man praktisch immer vergisst, überhaupt auf eine ausreichende Tankbefüllung zu achten? Mareen Linnartz

Der müde König

Ohne darüber nachzudenken, benutzen wir Begriffe aus dem Schachsport in der Alltagssprache: Hängepartie, Bauernopfer, Schachmatt. Schachmatt ist ein wunderbares Wort, geradezu lautmalerisch, so wie aalglatt, ruckzuck oder ticktack. Man kann sich dabei vorstellen, wie der unterlegene König mit einem leisen Fluch und einem letzten Seufzer ("Sch...ach!") ermattet dahinsinkt, bevor er stirbt. Dachte man zumindest bis vor Kurzem. "Papa, weißt du eigentlich, woher der Begriff ,schachmatt' stammt?", fragt die sehr schlaue erwachsene Tochter, als wir zusammen "Das Damengambit" schauen, eine spannende Netflix-Serie über eine fiktive Schach-Großmeisterin. Äh, nein, eigentlich nicht? "Schach kommt aus Persien. Shāh heißt König und māt bedeutet geschlagen oder handlungsunfähig", erklärt meine kleine Großmeisterin, die mal einen Persisch-Sprachkurs belegt hat. Schachmatt! Da bin ich baff. Baff bezieht sich laut etymologischem Lexikon lautmalerisch übrigens auf einen Jagdhund, der unmittelbar nach dem Schuss vor Schreck erstarrt und nicht mehr auf Befehle reagiert. Titus Arnu

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