Psychotherapeut zum Breivik-Prozess "Ein Schritt, das Trauma zu verarbeiten"

Etliche Überlebende und Hinterbliebene der Anschläge von Norwegen verfolgen das Verfahren gegen Anders Behring Breivik im Osloer Gerichtssaal. Wie wirkt der Prozess auf sie? Ein Gespräch mit dem Traumatherapeuten Christian Lüdke über wiederkehrende Bilder, Schuldgefühle und Aufarbeitung.

Interview: Lena Jakat

Christian Lüdke ist Psychotherapeut in Essen. Nachdem er viele Jahre in der Ausbildung von Polizei-Spezialeinheiten tätig war, hat er sich auf die Therapie von Überlebenden von Geiselnahmen und Terrorakten spezialisiert. Er hat Opfer der Anschläge vom 11. September in New York und der Amokläufe in Erfurt und Winnenden betreut. Im Interview mit Süddeutsche.de spricht er darüber, was der Prozess in Oslo für Überlebende und Hinterbliebene der Anschläge vom 22. Juli 2012 bedeutet, und warum diese Wirkung heilsam und zugleich schädlich sein kann.

Einige Überlebende des Massakers von Utøya tragen Aufkleber auf der Kleidung, die sie vor den Fragen der Journalisten schützen sollen. "Das finde ich sehr gut", sagt Traumatherapeut Christian Lüdke dazu.

(Foto: REUTERS)

Süddeutsche.de: Seit Montag steht Anders Behring Breivik in Oslo vor Gericht. Wie wirkt der Prozess auf die Überlebenden und Hinterbliebenen der Anschläge?

Christian Lüdke: Durch die Selbstinszenierung dieses Narzissten Breivik verkommt der Prozess zur Verhöhnung der Opfer. Überlebende und Hinterbliebene werden so noch tiefer in ihren Schmerz getrieben. Dass dem Angeklagten für seine Aussage fünf Tage eingeräumt werden, finde ich eine unerträgliche Zumutung. Offensichtlich geht es ihm ja um genau diese Aufmerksamkeit, das ist für ihn wie ein Rauschzustand. Andererseits ist das Gerichtsverfahren für die Opfer sehr wichtig.

Süddeutsche.de: Inwiefern?

Lüdke: Eine gerechte Strafe im Sinne der Opfer kann es nicht geben. Dennoch stellt für die Überlebenden der Prozess, beziehungsweise das Urteil, erst den eigentlichen Abschluss des Traumas dar. Ein Autounfall hat einen Anfang und ein Ende. Die Menschen auf Utøya und im Regierungsviertel von Oslo haben Schreckliches erlebt, sind dem Tod nahe gewesen. Für sie kann der Prozess ein Schritt sein, das Trauma zu verarbeiten.

Süddeutsche.de: Etliche Überlebende und Hinterbliebene verfolgen den Prozess direkt im Gerichtssaal. Warum tun sie sich das an?

Lüdke: Die Verarbeitung eines Traumas ist immer auch ein Prozess der persönlichen Reifung. Manche wollen sich dem Täter und seinen Aussagen stellen, ihm zeigen: Ich habe überlebt, ich bin hier, ich stehe über dir. Auch wenn sie dann doch den Saal verlassen müssen, weil der Schmerz zu groß wird: Einigen tut das gut.

Süddeutsche.de: Und den anderen?

Lüdke: Wer kein stabiles privates Umfeld hat, kein funktionierendes soziales Netz und möglicherweise zudem schon vor diesem Erlebnis traumatisiert wurde - sei es durch Todesfälle in der Familie, Krankheit oder andere Schicksalsschläge - hat ein hohes Risiko, durch den Prozess extrem belastet zu werden. Solche Menschen werden auch eher versuchen, sich dem Gerichtsverfahren zu entziehen.

Süddeutsche.de: Was schwierig werden dürfte. Der Berichterstattung über den Prozess kann man sich kaum entziehen.

Lüdke: Die Konfrontation mit dem Täter führt bei ihnen zu einer Erlebnisaktivierung - das heißt, all die Bilder, Klänge, Gerüche kommen wieder hoch - und damit zu einer Retraumatisierung. Wir funktionieren über Bilder. Nach den Anschlägen von Djerba 2002 oder 9/11 gab es Studien, die gezeigt haben, dass auch Menschen, die gar nicht beteiligt waren und sich immer und immer wieder die Bilder der einstürzenden Türme angesehen haben, traumatisiert werden können. Noch viel schlimmer ist die Wirkung dieser Bilder auf Überlebende.