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Prozessbeginn im Fall Yağmur:Vater, Mutter, totes Kind

Vor dem Landgericht Hamburg hat der Prozess um den Mord an der dreijährigen Yağmur begonnen. Die Angeklagten - die 27-jährige Mutter und der 25-jährige Vater des Mädchens - schweigen. Nur die Anwältin der Mutter ringt sich einen Satz ab.

Sie fühlt sich sichtlich unwohl, sie würde am liebsten davonrennen. Sie hält ihre Unterarme umklammert, als fröstele sie, dabei ist es warm in Saal 237 des Hamburger Landgerichts. Melek Y. sitzt auf der Anklagebank, eine unscheinbare Frau in grauem T-Shirt, sie schließt die Augen, als der Staatsanwalt die Anklage voller Grausamkeiten verliest und den "Tathergang" schildert.

Sie schluckt immer wieder, als er vorträgt, wie die dreijährige Yağmur geprügelt wurde, getreten, immer häufiger und immer heftiger. Sie kämpft mit den Tränen, als die schlimmen Verletzungen aufgezählt werden, der Bruch des linken Armes über dem Ellenbogengelenk, die schwer verletzten Organe. Als Todesursache steht im Obduktionsbericht: innere Blutungen infolge eines Leberrisses.

Kurz vor Weihnachten 2013 starb die dreijährige Yağmur, genannt Yaya. Und ihre Mutter Melek Y. steht seit diesem Mittwochmorgen vor Gericht, wegen Mordes. Sie hat Yağmur zu Tode misshandelt, so sieht es die Staatsanwaltschaft.

Die Angeklagte habe einen Menschen grausam getötet, sagte Oberstaatsanwalt Michael. Über Monate habe die 27-Jährige ihre kleine Tochter immer wieder geschlagen, getreten und gekniffen. "Das Kind musste ständig mit neuen Angriffen rechnen."

"Es geht ihr nicht gut"

Zwei Plätze weiter auf der Anklagebank sitzt Hüseyin Y., der Familienvater, sofern man in diesem Fall überhaupt von einer Familie sprechen kann. Er schaut die ganze Zeit nur auf den Tisch aus dunklem Holz vor ihm, mit leerem Blick. Er wirkt wie weggedämmert. Ihm wirft der Staatsanwalt vor, dass er weggeschaut habe, als seine Frau Yağmur prügelte und trat. "Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen" heißt das im Juristendeutsch. "Er sah häufig Hämatome und Kratzer und wusste, dass diese Verletzungen durch die Mutter verursacht wurden", sagte der Oberstaatsanwalt. Der 25-Jährige habe seine Tochter aber nicht geschützt und weder Polizei noch Jugendamt verständigt. Die unzähligen Quetschungen und blauen Flecke auf dem kleinen Körper des Mädchens waren sogar notdürftig mit Schminke überdeckt worden, damit sie nicht so sehr auffallen.

Die beiden Angeklagten schwiegen am Mittwoch, sie wollen auch weiterhin schweigen, wie ihre Anwälte sagen. "Es geht ihr nicht gut", sagt die Anwältin von Melek Y. nach der Verhandlung vor dem Saal. Wie ihre Mandantin zu den Vorwürfen steht, wollte sie nicht mitteilen. "Das werden Sie im Laufe des Jahres erfahren."

Langes Vorstrafenregister

Melek Y. wurde 2007 bereits wegen gemeinschaftlichen Diebstahls und 2008 wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, der Vater 2010 wegen Betruges und Erschleichen von Leistungen. Das Verhältnis der beiden ist zerbrochen. Sie würdigten sich vor Gericht keines Blickes, was auch daran liegen mag, dass Melek Y. zunächst ihren Mann beschuldigte, Yağmur geprügelt zu haben. Bis sie sich zunehmend in Widersprüche verstrickte und die Ermittler schließlich in ihr die Haupttäterin sahen.

Sollte Melek Y. wegen Mordes verurteilt werden, droht ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe. Das Gericht ließ allerdings erkennen, dass auch eine Verurteilung wegen Totschlags oder Körperverletzung mit Todesfolge in Frage komme. In letzterem Fall drohen Melek Y. drei bis 15 Jahre Haft.

Fall Yagmur Ein langsamer Tod
Prozessbeginn im Fall Yağmur

Ein langsamer Tod

Die dreijährige Yağmur aus Hamburg wird zu Tode gequält - mutmaßlich von ihren Eltern. Jetzt müssen sie sich vor Gericht verantworten. Der Fall zeigt eine Familientragödie. Und offenbart eklatante Schwächen in den Behörden.   Von Lara Gruben