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Prozess-Posse in Lindau:Der Professor und die Schoko-Pistolen

Peter Grottian ist Politik-Professor und bekennender Fan des zivilen Ungehorsams - was ihn nun in Lindau vor den Kadi gebracht hat. Denn der 69-Jährige soll in einem Vortrag zur Finanzkrise dazu aufgerufen haben, eine Filiale der Deutschen Bank zu stürmen. Mit Schokoladen-Pistolen. Ein Gespräch über den etwas anderen bewaffneten Widerstand.

Marc Felix Serrao

Wenn es einen straßenkampferprobten deutschen Professor gibt, dann Peter Grottian. Der Berliner Politologe ist ein bekennender Fan des zivilen Ungehorsams. Mal geht er gegen die vermeintliche Raffgier von Bankern auf die Straße, mal ruft er wegen Fahrpreiserhöhungen im Nahverkehr zum Schwarzfahren auf. Am Mittwoch musste sich der 69-Jährige vor dem Amtsgericht in Lindau verantworten, weil er im Juni 2010 seine Zuhörer bei einem Vortrag über die Finanzkrise aufgefordert haben soll, "mit Schokoladenpistolen und ohne Maskierung" eine Filiale der Deutschen Bank "heimzusuchen". Die Staatsanwaltschaft Kempten stellte ihm deshalb einen Strafbefehl wegen "öffentlichen Aufrufs zum Hausfriedensbruch" über 3900 Euro zu, gegen den er Widerspruch einlegte. Mit Erfolg: Das Gericht gab ihm recht.

Professor wegen Aufruf zum 'Schoko-Pistolen-Bankueberfall' vor Gericht

Bekennender Fan des zivilen Ungehorsam: der Berliner Politologe Peter Grottian (hier bei einer Kundgebung in Berlin).

(Foto: dapd)

SZ: Sie haben vor Gericht gewonnen, Herr Grottian. Ein süßes Gefühl?

Peter Grottian: Ich geh' gleich ins Naschwarengeschäft und kauf mir eine Schokoladenpistole. Dann bin ich für die nächsten Gefechte gewappnet.

SZ: Erzählen Sie mal, was da los war.

Grottian: Also, ich habe einen Vortrag gehalten über die Ursachen der Finanzkrise, über die Alternativen politischen Handelns und über die Kritik an den Bankern und Politikern. Dabei ging es auch um verschiedene Formen des politischen Ungehorsams. Vor der Bank demonstrieren oder Theater spielen, dann in die Bank reingehen . . .

SZ: . . . dort die Waffe ziehen.

Grottian: Das war ein Ausmalen einer gewaltfreien Aktion - mit ironischem Unterton. Ich habe vor dem "Bankenaktionstag" von Attac im Herbst 2010 viele Vorträge gehalten. Und ich habe immer gesagt: Ihr entscheidet selbst, wie weit ihr geht, welche Aktionsform ihr wählt.

SZ: Bei besagtem Aktionstag wurden auch Filialen besetzt. Hat sich hinterher irgendeine Bank beschwert?

Grottian: Nein, keine einzige hat Strafantrag gestellt. Man darf vermuten, dass das nur mehr Öffentlichkeit erzeugt hätte. Und da die Banken ja an allem so unschuldig nicht sind, wie sie gerne tun, hätte so etwas ihrer Reputation geschadet.

SZ: Treffen Sie mit Ihren Aktionen denn die Richtigen? Wenn Sie mit einer Pistole, egal aus welchem Material, in einer Bank auftauchen, jagen Sie doch nur den Angestellten einen Schrecken ein.

Grottian: Wir machen ja auch andere Aktionen. Wir haben in der Hauptaktionärsversammlung der Deutschen Bank interveniert und die Verwicklung des Unternehmens in die Streubombenproduktion attackiert. Ich selbst habe der Bank vorgeworfen, dass sie Lehrstühle an deutschen Universitäten kauft.

SZ: Aber die Mitarbeiter in den Filialen haben mit alldem herzlich wenig zu tun - und verdienen vermutlich auch deutlich weniger als Sie.

Grottian: Die haben wenig damit zu tun, ja. Aber auch ein einfacher Mitarbeiter vermittelt die Angebote seiner Bank an die Kunden. Wenn er zum Beispiel ein Papier anbietet, das auf eine Erhöhung der weltweiten Nahrungsmittelpreise wettet, dann muss auch er überlegen, was er da eigentlich tut.

SZ: Sie meinen den Kundenberater. Der sitzt in der Regel in einem eigenen Büro. Der Schalterbeamte, der die Schokoladenpistole sieht, hat mit dem, was Sie beschreiben, nichts zu tun.

Grottian: Ok, da haben Sie recht.

SZ: Und die Folgen? Glauben Sie ernsthaft, dass Josef Ackermann seine Konzernstrategie ändert, weil Sie und Ihre Freunde mit Schokolade anrücken?

Grottian: Ich glaube schon, dass Herrn Ackermann der Vorwurf trifft, dass seine Bank Lehrstühle kauft und in die Produktion von Streubomben in irgendeiner Form verwickelt ist. Ich habe auf der Aktionärsversammlung 20 Meter von ihm entfernt gesessen, und er hat geschluckt. Was Unternehmen am meisten fürchten, ist eine Reputationsschädigung.

SZ: Trotzdem sind Sie derjenige, der jetzt vor Gericht stand.

Grottian: Das war ja Groteske. Nicht die Verursacher der Krise saßen auf der Strafbank, sondern ein Bankenkritiker.

SZ: Und davon gibt es auch nicht mehr viele. Im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren geht es heute sehr brav und karrierebewusst zu an den Unis, sogar in Berlin. Fühlen Sie sich nicht einsam?

Grottian: Ich will jetzt keine Kollegenschelte betreiben. Die Entwicklung ist aber so, dass sich Hochschullehrer heute eher fragen, welche Umsätze sie mit welchen Forschungsprojekten machen, als dass sie sich gesellschaftspolitisch engagieren. Bei den Studierenden sieht es zum Glück anders aus. Gucken Sie Stuttgart 21 an. Oder Gorleben. Oder Dresden, das Engagement gegen Rechtsextremismus. Da leisten junge Leute tolle Dinge. Insofern glaube ich schon, dass ziviler Ungehorsam eine Zukunft hat. Er ist das Salz in der Suppe der Demokratie.

SZ: Was kommt als Nächstes?

Grottian: Die Frage der 270 Panzer für Saudi-Arabien. Da werden wir der Regierung Merkel in einem großen Bündnis erhebliche Probleme machen.

SZ: Mit Schokoladenpanzern.

Grottian: Das wär was.

© SZ vom 19.01.2012/jobr
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