Prozess Mordanschlag mit Pausenbrot

In Bielefeld steht ein 57-jähriger Schlosser vor Gericht, der seinen Kollegen jahrelang giftiges Pulver auf die Stullen gestreut haben soll. Er muss sich wegen versuchten Mordes in drei Fällen verantworten.

Von Jana Stegemann, Bielefeld

Der Angeklagte, der deutlich jünger als 57 aussieht, sitzt mit einer Mappe vor dem Gesicht im Gerichtssaal.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

In Ostwestfalen schmieren sich die Menschen für die Arbeit noch gerne eine Stulle. Brot, Butter, Belag, vielleicht garniert mit einer Gurken- oder Tomatenscheibe. Wenig Schnickschnack, viel Substanz, ordentlich verpackt in, na klar, einer Tupperbox. Ausgerechnet der so beliebte wie gewöhnliche Pausensnack spielt nun die Hauptrolle in einem Kriminalfall, der den Ort Schloß Holte-Stukenbrock, 20 Kilometer von Bielefeld entfernt, in diesem Frühjahr in die überregionale Berichterstattung katapultierte.

In der ostwestfälischen 27 000-Einwohner-Stadt im Kreis Gütersloh soll ein Mann über Jahre die Pausenbrote seiner Arbeitskollegen vergiftet haben. Wegen versuchten Mordes in drei Fällen muss sich der 57-jährige Klaus O. seit Donnerstag vor dem Landgericht Bielefeld verantworten. Dem Vater zweier Kinder soll es laut Anklage auch darum gegangen sein, "zu sehen, wie seine Kollegen vor seinen Augen langsam an körperlichem Wohlbefinden einbüßen und aufgrund der Art der Vergiftung Schmerzen und Qualen erleiden".

O. sieht deutlich jünger aus als 57. Im Beisein der Wachtmeister schlurft er fast wie ein Jugendlicher in einem weiten Pulli in den Gerichtssaal. Sein schmales bärtiges Gesicht mit der runden Brille bleibt während der Anklageverlesung durch den Staatsanwalt ohne Regung. O. sitzt wie ein Unbeteiligter zwischen seinen beiden Anwälten, als ginge ihn der Prozess nichts an. 38 Jahre lang arbeitete O. bei "Ari Armaturen", Abteilung Werkzeugbau. In Schloß Holte-Stukenbrock ist der Armaturenhersteller mit 800 Mitarbeitern ein wichtiger Arbeitgeber. Schlosser O. war nicht sonderlich beliebt, mittels Kopfhörern soll er sich stets abgeschottet haben. Der Firmensprecher sagte nach O.s Verhaftung, dieser sei "auffällig unauffällig" gewesen, anfangs sei man daher von einem missglückten Scherz ausgegangen, nicht von Mordversuchen. Eines der Giftopfer hat 30 Jahre lang eng mit O. zusammengearbeitet, er sagte der Bild: "Er blieb immer für sich, sprach nicht und hatte keine Freunde. Ich hatte mit Klaus kein Problem und habe akzeptiert, dass er keine Kontakte wollte. Streit gab es nie." Im April 2018 versagten plötzlich seine Nieren. Seither muss er dreimal die Woche zur Dialyse, keiner kann ihm sagen, ob er wieder gesund wird. Der Mann sagt: "Mein Pausenbrot lag immer in einer Tupperdose auf dem Tisch." Unbeaufsichtigt. O. soll seinen Vorarbeiter laut Anklage bei fünf Gelegenheiten so schwer vergiftet haben, dass dieser mehrfach wegen Blutarmut, Magenkrämpfen und Magenblutungen stationär behandelt werden musste.

Georg Zimmermann, der Vorsitzende Richter, steht im Gerichtssaal hinter einem Stapel mit Prozessakten.

(Foto: dpa)

Ein junger Kollege bekam im Sommer 2016 eine schwere Quecksilbervergiftung, obwohl er nie mit dem giftigen Schwermetall gearbeitet hatte. Weder die Polizei noch Arbeitsschutzexperten der Bezirksregierung Detmold konnten damals die Ursache finden. Der heute 29-Jährige liegt noch immer im Koma, sein Gehirn erlitt schwere Schäden. Auch für diesen Giftanschlag soll O. verantwortlich sein. Ein dritter Kollege musste mehrmals wegen heftiger Vergiftungserscheinungen im Krankenhaus behandelt werden. Er sitzt O. im Gericht als Nebenkläger gegenüber, seine Verachtung ist ihm anzusehen. O.s Giftanschläge fielen erst auf, als ein 26-jähriger Kollege ein verdächtiges Pulver auf seiner Stulle bemerkte, das sich als hochgiftiges Bleiacetat herausstellen sollte. Er alarmierte seine Vorgesetzten. In Absprache mit dem Betriebsrat ließ die Geschäftsführung eine Überwachungskamera installieren. O. wurde überführt, als er sich an der Brotdose eines Kollegen zu schaffen machte. Er wurde verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Die Ermittler entdeckten in O.s Haus in Bielefeld-Senne eine Art Giftlabor, unter anderem fanden sich dort Quecksilber, Blei und Kadmium. Die Polizei untersuchte nach O.s Festnahme Krankheits- und Todesfälle in dem Unternehmen der vergangenen Jahrzehnte und ermittelte 21 Verdachtsfälle. Klaus O. schweigt bisher zu den Vorwürfen und seinem Motiv.