Prozess gegen Autobahnschützen Schüsse aus dem Nichts

Er galt als zuverlässig, doch wenn er sich ans Steuer setzte, zog er in den Krieg: Berufskraftfahrer Michael K., am Montag vor Gericht in Würzburg.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Er zielte aus dem fahrenden Lkw, die linke Hand am Steuer, die rechte an der Pistole, mehr als 700 Mal. Vor Gericht muss sich der Autobahnschütze Michael K. nun wegen versuchten Mordes verantworten. Am ersten Verhandlungstag spricht er über seine diffuse Wut auf Ausländer.

Von Hans Holzhaider, Würzburg

Seit mehr als 20 Jahren steuerte Michael K. schwere Lkw über die Fernstraßen in Deutschland und den westlichen Nachbarländern, die letzten zehn Jahre für dieselbe Firma, und sein Arbeitgeber schätzte seine Zuverlässigkeit. Aber wenn Michael K. sich ans Steuer seines Fernlasters setzte, dann zog er in den Krieg. Und dafür musste er sich bewaffnen: zuerst mit einer selbstgebauten Pistole vom Kaliber .22, später mit einer russischen Armeepistole, die er nach der Wende von einem der abrückenden Sowjetsoldaten gekauft hatte. Vier Jahre lang machte Michael K. die deutschen Autobahnen unsicher. Mehr als 700 Mal soll er aus dem fahrenden Lkw heraus auf andere Fahrzeuge geschossen haben, fast ausschließlich auf Autotransporter beziehungsweise auf deren Ladung. Denn mit Autotransportern, sagt Michael K. jetzt vor dem Würzburger Landgericht, habe alles angefangen.

Mehr als vier Stunden dauert die Verlesung der Anklage gegen den 58-Jährigen, der 1989 aus der DDR über Ungarn in die Bundesrepublik floh. 150 Fälle hat Staatsanwalt Boris Raufeisen aufgelistet. 150 Schüsse, meist während der Dunkelheit, und von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen richteten sie nur Sachschäden an. Es gab Einschusslöcher in den Neufahrzeugen, die auf den Autotransportern geladen waren; auch die Geschosse vom relativ kleinen Kaliber .22 hatten genug Energie, um die Karosseriebleche zu durchschlagen.

Aber am 10. November 2009 wäre eine Autofahrerin fast ums Leben gekommen: Eine Kugel aus Michael K.s Pistole traf auf die Windschutzscheibe ihres Pkw, und die Geschosssplitter fügten der Fahrerin schwere Wunden am Hals zu. Ein anderes Mal schlug ein Geschoss durch die Scheibe der Fahrertür eines Kleintransporters und trat auf der Beifahrerseite wieder aus - wie durch ein Wunder wurden die Insassen nur durch Glassplitter verletzt. "Ich habe in keinem einzigen Fall auf die Fahrerkabinen oder auf Personen gezielt", beteuert Michael K. jetzt vor Gericht. Von dem Fall der schwer verletzten Autofahrerin habe er erst später in der Zeitung gelesen. "Das hat mich veranlasst, die Waffen wegzupacken und sie nicht mehr zu benutzen."

Die linke Hand am Steuer, in der rechten die Pistole

Der Vorsitzende Richter Burkhard Pöpperl möchte zunächst wissen, wie das alles angefangen hat. Warum hatte Michael K. einen ganz besonderen Hass auf Autotransporter? "Weil es die Fahrer von Autotransportern waren, die mich überfallen haben", sagt der schwergewichtige Angeklagte. In Frankreich sei das gewesen, er habe Autoreifen nach Marseille gefahren, und unvorsichtigerweise habe er bei offenem Fenster geschlafen. "Am Morgen standen links und rechts die Türen auf, und alles war geklaut." Es konnten nur die Fahrer der Autotransporter sein, die mit ihm auf dem Parkplatz standen, da ist er sich ganz sicher.

Überhaupt, die Ausländer. Der Angeklagte ist nicht gut auf sie zu sprechen: Was die "zusammenklauen" in Deutschland, die Rumänenbanden, das werde doch alles in den Autotransportern weggeschafft. Und wenn die deutschen Lkws brav auf der rechten Spur im Stau stehen, brausten die Ausländer an ihnen vorbei, Überholverbot hin oder her. Und die Parkplätze verstopften sie, und wenn er weiterfahren muss, weil er keinen Platz mehr findet, dann brumme ihm die Polizei ein Bußgeld auf wegen Fahrzeitüberschreitung.

Also hat er sich bewaffnet. Aus einer Bundeswehr-Signalpistole hat er sich einen Schießkugelschreiber gebaut, und die Kleinkaliberpistole hat er auch selber gebaut und den Schalldämpfer dazu. Woher er das könne? Michael K. zuckt mit den Schultern. Kann er eben.

Wie oft er geschossen hat, das wisse er nicht mehr, sagt der Angeklagte. Aber dass er niemals die Absicht hatte, den Verkehr zu gefährden oder Menschen zu verletzen, das wisse er genau. Wie das denn möglich sei, wo er doch meistens bei Dunkelheit geschossen habe, fragt der Richter. Im Dunkeln, sagt Michael K., könne man die Autotransporter schon von Weitem erkennen, an der besonderen Beleuchtung. Er habe immer auf die Autos in der oberen Reihe gezielt, das letzte oder das vorletzte in der Ladung. Die linke Hand am Steuer, in der rechten die Pistole, aufgelegt oder auch freihändig. Geübt habe er nur zu Hause in seiner Garage, mit Schüssen auf einen Holzklotz. Aus einem fahrenden Lkw auf ein entgegenkommendes Fahrzeug zu schießen, das sei doch etwas ganz anderes, hält ihm der Richter vor. Michael K. sah da kein Problem. "Ich habe mit der Waffe mitgezogen", sagt der Angeklagte. Er sei sicher gewesen, keinen Fehlschuss zu tun.

Die Staatsanwaltschaft hat Michael K. unter anderem wegen versuchten Mordes angeklagt. "Er war sich der erheblichen Risiken eines Fehlschusses und der hiervon ausgehenden Gefahren für andere Verkehrsteilnehmer bewusst", heißt es in der Anklage. Das weist Michael K. von sich. Nie habe er in Kauf genommen, dass jemand durch ihn zu Tode komme. Heute wisse er, dass Selbstjustiz mit der Rechtsordnung nicht zu vereinbaren sei. "Mir ist bewusst, dass das für Außenstehende nicht nachvollziehbar ist", sagt er. Bei den Eigentümern der beschädigten Fahrzeuge wolle er sich entschuldigen, die Personen, die durch seine Schuld verletzt wurden, bitte er um Verzeihung. "Ich bin bereit, die strafrechtlichen Konsequenzen zu tragen."