Film über den "britischen Schindler" Mysteriöse Listen auf dem Speicher

Die meisten der Geretteten erfuhren nach dem Krieg, dass ihre zurückgebliebenen Verwandten in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet worden waren. Andere wie die heute 75-jährige Lisa Mittwinter, eine Zahnärztin, hatten das Glück, dass die Eltern ebenfalls fliehen konnten. Ihr Vater hatte, wie sie jetzt in Prag erzählte, in Teplice als Kinderarzt praktiziert und war entsetzt, als seine langjährigen sudetendeutschen Patienten sich nach dem Nazi-Einmarsch strikt von ihm abwandten.

Bei einer Gedenkveranstaltung am Bahnhof von Liverpool hält Thomas Bermann die britischen Ausweispapiere in die Kamera, die ihm das Leben retteten. Bermann gehörte 1939 zu den von Winton geretteten jüdischen Kindern.

(Foto: Getty Images)

Keines der überlebenden Kinder wusste, welche Rolle Nicholas Winton bei der Rettung gespielt hatte. Der schwieg so lange, bis 1988 seine Ehefrau auf dem Speicher des gemeinsamen Hauses in Maidenhead bei London die Listen mit den Nummern aus dem Jahr 1939 entdeckte.

Die britische BBC erfuhr von der Sache und forschte den Adressen der Kinder nach. Nicholas Winton wurde zu einer populären Sendung eingeladen, bei der zu seiner Überraschung auch zwei Dutzend der geretteten Kinder anwesend waren - inzwischen im Alter von Großeltern. Inzwischen haben sich insgesamt 261 der 669 Glücklichen gefunden, mehr als 400 aber sind bereits tot oder wissen möglicherweise noch immer nicht, wem sie das Überleben verdanken.

Sir Winton wurde mit seiner Geschichte berühmt, zunächst in Großbritannien und Tschechien. Die Queen schlug ihn zum Ritter, in Prag erhielt er einen hohen Orden, der Regisseur Matej Minac drehte zwei Filme. In Kunzak im Süden Tschechiens benannte sich eine Schule nach ihm und sammelte Unterschriften für eine Petition, man möge Winton den Friedensnobelpreis verleihen. 100.000 Kinder haben die Initiative bisher unterstützt, der stellvertretende tschechische Senatspräsident Premyl Sobota machte sie sich jetzt zu eigen und schlug Winton offiziell für die hohe Auszeichnung vor.

Nur in Deutschland ist der "britische Schindler" bisher kaum bekannt. Dabei liegen dort seine Wurzeln. Wintons Eltern, deutsche Juden, die ursprünglich Wertheim hießen, waren 1907, zwei Jahre vor seiner Geburt, nach England gezogen. Und Winton selbst hatte einst seine Banklehre unter anderem in Hamburg und Berlin absolviert.