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Perspektive im Westjordanland:Autos zum Träumen

Sie arbeiten unter dem glänzenden Stern: In einer Mercedes-Werkstatt bei Bethlehem bekommen palästinensische Jugendliche eine seltene Chance.

Thorsten Schmitz

Wenn Fahi Schahen lacht, wandert der Blick automatisch auf seine Zähne. Manche sind grau oder fast schwarz, an manchen Stellen fehlen sie. Er ist 24 Jahre alt und wohnt in einem Dorf nahe Bethlehem bei seinen Eltern. In seinem Dorf gibt es keinen Zahnarzt und kaum asphaltierte Straßen, Internet hat dort auch niemand, erzählt Schahen. Die weitesten Reisen in seinem Leben führen ihn nach Jerusalem oder Bethlehem. Sein Traum, sagt er, wäre eine Spritztour in einem Sportwagen auf einer Straße, auf der "ich fahren kann, bis der Tank leer ist". Das Problem ist nur: Im Westjordanland gibt es solche Straßen nicht für Palästinenser, auch keine Sportwagen. So macht sich Fahri Schahen samstags bis donnerstags erst zu Fuß auf den Weg nach Beit Sahur, dann nimmt er ein Sammeltaxi. Wenn er Glück hat, ist er in einer halben Stunde am Ziel. Manchmal verlässt ihn das Glück und es dauert zwei Stunden.

Der Stern ist begehrt - nicht nur in Deutschland und bei den Reichen. Im Westjordanland in der Nähe von Bethlehem können palästinensische Jugendliche jetzt eine Ausbildung in einer Mercedes-Werkstatt machen.

(Foto: Foto: AFP)

In Beit Sahur ist Schahen seinem Traum ein bisschen näher. Er arbeitet dort in der Mercedes-Werkstatt und lernt, wie ein Mercedesmotor funktioniert und wie man ihn repariert.

Der Blick aus der Limousine

Ein paar Schritte von Schahen entfernt ist an diesem Morgen die gepanzerte Limousine des palästinensischen Regierungschefs Salam Fajad geparkt, eine Generalüberholung steht an. Es ist stickend heiß in der Werkstatt, Fahri Schahen wischt sich Schweiß aus der Stirn und sagt, er würde gerne auch einmal in so einem Auto durch das Westjordanland fahren. Er könne sich vorstellen, dass die israelische Besatzung ihm dann weniger ausmachte.

Der Blick aus einem Mercedes auf die Landschaft aus Checkpoints, Mauern und Schlaglöchern sei in so einem Auto bestimmt erträglicher. Schahen arbeitet in der Nähe seiner Träume - und er zeichnet sie. Der Kfz-Lehrling zeigt über zwanzig Skizzen von Phantasie-Sportwagen, die er abends nach Kursende mit der Hand gezeichnet hat. Seine 17 Kollegen staunen, als er die Zeichnungen herumgehen lässt.

Perspektive für bettelarme Jugendliche

Die Ausbildungswerkstatt von Daimler in Beit Sahur ist ein Projekt, das die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der Daimler-Konzern in Stuttgart und das palästinensische Arbeitsministerium ins Leben gerufen haben. 18 bettelarme palästinensische junge Männer lernen hier ein Jahr lang, welche Funktionen Zylinder und Zündkerzen, Airbags und Automatikgetriebe erfüllen. Es sind 18 junge Männer, die alle kein Auto und keinen Führerschein besitzen.

Zur Zeit muss ein uralter Seat Ibiza herhalten als Ausbildungsmodell, weil die israelischen Behörden die Einfuhr eines ausgedienten Mercedes seit Monaten verhindern (die Israelis trauen den Palästinensern nicht und glauben, sie würden den Ausbildungswagen auf dem Gebrauchtwagenmarkt verscherbeln). Frauen haben bislang noch kein Interesse an dem Kurs gezeigt, bedauert der Generaldirektor im palästinensischen Arbeitsministerium, Salam Salameh. Das werde wohl auch noch ein bisschen dauern, sagt er. Salameh fährt einen Japaner, und entschuldigt das: "Einen Mercedes kann ich mir nicht leisten."

Das können die 18 jungen Männer auch nicht. Viele sind noch nie ein Auto gefahren. Fahri Schahen dagegen schon. Er hat zwar auch keinen Führerschein, aber manchmal kann er mit dem Auto seines Onkels Runden drehen, im wahrsten Sinne. Denn das Dorf, in dem Schahen lebt, ist eingekreist von israelischen Armeekontrollpunkten und der Trennanlage. "Mit dem Auto kommt man bei uns nicht weit", sagt Schahen und lächelt.

Werkstatt wie ein Verkaufssalon

Die Werkstatt, in der die 18 Palästinenser ausgebildet werden, grenzt an den Verkaufssalon. Im Salon liegen Broschüren von sündhaft teuren Mercedes-Limousinen, die man auch in Israel sehr selten sieht. Der Geschäftsführer von Mercedes Benz im Westjordanland, Peter Dallal, sitzt in seinem klimatisierten Büro und schwärmt von der guten Zusammenarbeit zwischen Mercedes, der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau und dem palästinensischen Arbeitsministerium. Durch das Projekt würden die Jugendlichen "von der Straße geholt" - hinein in eine Welt, die nichts mit Besatzung und Gewalt zu tun habe. In eine Welt, "in der sie lernen können".

Im Westjordanland werden die meisten palästinensischen Männer Bauarbeiter oder Automechaniker. Die meisten Autos stammen aus zweiter Hand und sind entsprechend reparaturanfällig. Oft, sagt Dallal, würden junge Automechaniker von ihren Arbeitgebern ausgenutzt und zum Kaffeekochen abkommandiert oder zum Einkaufen geschickt. Mit der Auszeichnung könnten die Automechaniker aus der Daimler-Werkstatt in Beit Sahur nun bessere Jobs bekommen.

Die meisten Taxis und Sammeltaxis im Westjordanland stammen aus Stuttgart, Taxifahrer müssen nicht die hohen Importsteuern zahlen wie Privatkunden. Der palästinensische Daimler-Chef Dallal klagt, dass er nicht sonderlich viele Mercedes-Limousinen verkauft. Es gebe zwar "reiche Palästinenser, sogar sehr reiche". Aber viele verzichteten auch darauf, sich einen Mercedes zuzulegen und im Westjordanland damit herumzuprotzen: "Die vermögenden Palästinenser wollen ihre armen Landsleute nicht eifersüchtig machen und Neid hervorrufen", sagt Dallal.

Der Präsident und sein Mercedes

Auch in Israel gab es lange Zeit im Politikbetrieb starke Vorbehalte gegen die Anschaffung von Mercedes-Limousinen für Minister und Regierungschefs. Jahrzehntelang fuhren Politiker vorzugsweise im Volvo, um sich nicht den Vorwurf gefallen zu lassen, man benutze deutsche Produkte. Erst der frühere Premierminister Ariel Scharon bereitete dem Boykott ein Ende und ließ erstmals zwei gepanzerte Mercedes-Limousinen bestellen. Scharon habe von den Fahrten in den neuen Limousinen geschwärmt, berichtete sein Sicherheitschef einmal, so bequem sei er noch nie gefahren worden.

Zur Zeit lassen sich nur zwei israelische Spitzenpolitiker in den rund 400.000 US-Dollar teuren Limousinen herumkutschieren, Modellen aus dem vorletzten Jahr: Staatspräsident Schimon Peres und der Chef der ultrarechten antiarabischen Partei "Unser Haus Israel", Außenminister Avigdor Lieberman. Lieberman wohnt übrigens in einer jüdischen Siedlung im Westjordanland, nur wenige Minuten entfernt von Fahri Schahens Dorf.

© SZ vom 04.08.2009 /abis

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