Orkantief "Xaver":"Jede Sturmflut ist anders"

Lesezeit: 4 min

Müller-Navarra kann trotzdem dem Vergleich mit 1962 wenig abgewinnen. "Jede Sturmflut ist anders", sagt er. Es komme empfindlich auf die zeitliche Abfolge an, zum Beispiel ob der Wind erst gegen Mitternacht zwischen Donnerstag und Freitag von Stärke neun auf zehn auffrischt oder schon früher. Anders als 1962 sieht Hamburg dem Wasser außerdem gut vorbereitet entgegen. "Es besteht keine akute Überschwemmungsgefahr für irgendwelche Stadtteile", sagt Niklas Weise. Schon 1976 hatte das Hochwasser keine bewohnten Gebiete mehr überflutet.

Weises IWK ist mit seiner Warnung vorgeprescht, als sich der amtliche Deutsche Wetterdienst DWD noch zurückhielt. Die Meteorologen in dessen Zentrale in Offenbach wie im Hamburger Büro sahen den Orkan auch kommen, sie verfügen über dieselbe Information wie die private Konkurrenz. Aber ihre Warnungen haben amtlichen Charakter, Leitstellen und Rettungsorganisationen stellen sich darauf ein.

Die Warnungen des DWD kommen in drei Stufen, erklärt Pressesprecher Andreas Friedrich. Bis zu einer Woche vor dem Ereignis findet sich auf der Webseite des Dienstes eine "Wochenvorhersage Wettergefahren" in Textform. Zwei bis drei Tage vor einem Sturm platzieren die Meteorologen Warnhinweise auf einer Karte der Bundesländer. Frühstens 30 Stunden bevor es losgeht, kommen landkreisgenaue Unwetterwarnungen, die Karte färbt sich dann rot oder gar violett.

Solche Warnungen für Norddeutschland, zunächst vor den Orkanböen, hat der DWD am Mittwochabend ausgesprochen.

Die Hierarchie der Wetterberechnung

Die zeitliche Abfolge korrespondiert mit einer Hierarchie der Wetterberechnung. Die Verhältnisse in der Atmosphäre werden im Zwölf-Stunden-Rhythmus per Supercomputer simuliert. Die von Wetterstationen und -ballons erhobenen Messdaten fließen zunächst in globale Modelle. Diese überziehen die Erde mit einem Netz von 30 Kilometer großen Maschen und blicken eine Woche in die Zukunft. Das treibt im zweiten Schritt eine Europasimulation mit Sieben-Kilometer-Maschen an, die drei Tage Wetter berechnet. Und diese liefert Material für eine Deutschlandprognose über 30 Stunden, hier liegen die Rechenpunkte im Abstand von 2,8 Kilometern.

Diese Vorhersage wird sogar bis zu 30-mal mit leicht veränderten Eingabewerten ermittelt, um zu erkennen, wie abhängig das Resultat von leichten Messfehlern ist. "Eine Warnung wird daraus erst, wenn unsere Meteorologen und der sogenannte Supervisor in Offenbach die Prognose mit ihrer Erfahrung abgleichen und justieren", sagt Friedrich. Sie wüssten schließlich, wo die Rechenverfahren ihre Stärken und Schwächen haben.

Das erklärt, warum verschiedene Wetterdienste die Lage manchmal unterschiedlich beurteilen. Diesmal warnen alle.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema