Oldenburg:43, 54, 100?

Am letzten Verhandlungstag gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel geht es vor allem um die Zahl der ihm nachweisbaren Morde.

Von Annette Ramelsberger, Oldenburg

Oldenburg: Niels Högel in seinem letzten Prozess im Jahr 2019. Im Verfahren gegen seine ehemaligen Vorgesetzten und Kollegen soll er als Zeuge aussagen.

Niels Högel in seinem letzten Prozess im Jahr 2019. Im Verfahren gegen seine ehemaligen Vorgesetzten und Kollegen soll er als Zeuge aussagen.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Er ist angeklagt, 100 Menschen getötet zu haben. Er hat 43 Morde zugegeben. Er hat berichtet, wie er es getan hat: am Krankenbett, nachts, aber auch dann, wenn nebenan Visite war. Der Krankenpfleger Niels Högel hat Patienten der Krankenhäuser in Oldenburg und Delmenhorst immer wieder Gift gespritzt, sodass ihr Herz aufhörte zu schlagen. Deswegen steht er vor Gericht. Jetzt, am Ende eines langen Prozesses, wendet sich dieser Mann an die Angehörigen der Opfer im Gerichtssaal. Er sagt: "Ich appelliere an Sie, nicht das Vertrauen in die Arbeit von Ärzten, Schwestern und Pflegern zu verlieren, die jeden Tag alles tun, um Ihnen zu helfen." Zumindest eines kann man zum Ende dieses Prozesses sagen: Als Werbeträger für die gute Arbeit in Krankenhäusern eignet er sich nicht.

Högel spricht an diesem 23. Verhandlungstag vor dem Landgericht Oldenburg seine letzten Worte im Verfahren gegen ihn. Er liest vom Blatt. Ihm sei ganz deutlich geworden, "wie viel unfassbares Leid ich durch meine schlechten Taten verursacht habe", sagt er. Und dann entschuldigt er sich bei den Opfern, ihren Familien, ihren Freunden - auch bei seiner eigenen Familie. "Ich wünsche mir für Sie alle, dass Sie Ihren verdienten Frieden finden." Allein, die Entschuldigung kommt nicht an. Die Familien der Opfer starren ihn an, wortlos. Sie treten vor die Tür der Weser-Ems-Hallen, in denen dieser Mammutprozess tagt. Die Tochter eines Mordopfers sagt: "Er ist ein Massenmörder. Ich würde ihm am liebsten an die Gurgel gehen."

Die Verteidigerinnen fordern 33 Mal Freispruch

Doch die Verteidigerinnen von Högel fordern nicht nur, so wie die Staatsanwaltschaft, in drei der insgesamt 100 verhandelten Todesfälle Freispruch für Högel. Sie sehen in 33 Fällen nicht mal den Beweis erbracht, dass Högel am Tod der zum Teil schwer kranken Patienten schuldig war. Also fordern sie 33 Mal Freispruch. Dazu 13 Mal eine Verurteilung wegen versuchten Mordes und in 54 Fällen eine Verurteilung wegen Mordes.

Es ist ein undankbarer Job, den Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken, Högels Verteidigerinnen haben. Wie soll man einen Mann verteidigen, der selbst 43 Taten gestanden hat? Dem ein Gutachter hohe Lügenkompetenz und hohe Lügenbereitschaft attestiert hat? Der immer wieder beim Lügen ertappt worden ist? Baumann und Hüfken machen nicht viele Worte. "Die Statistiken sprechen gegen ihn", sagen sie. Jene Statistiken, die einen rapiden Anstieg der Todesrate nachweisen, wenn Högel Dienst hatte. "Weder wir noch Herr Högel leugnen, dass er in vielen Fällen der Täter ist. Herr Högel selbst hat erklärt, dass auf der Intensivstation Delmenhorst und auf der Station 211 in Oldenburg nicht mehrere Wochen vergangen sind, ohne dass er manipuliert hat." Das heißt, dass er fast jede Woche, später sogar fast jeden Tag Gift gespritzt hat. Aber, so die Verteidigerinnen in ihrem Plädoyer: "Er kann nur wegen Taten verurteilt werden, die er begangen hat." Als Erklärung für das Zögern, das Lügen ihres Mandanten führt Baumann Scham an. Es sei für ihn schwer, sich als der Mensch zu präsentieren, der er zur Tatzeit, zwischen 2001 und 2005, war. Högel habe zunächst innere Grenzen überwinden müssen, für die es keine Norm gebe: Beim einen liegen sie bei fünf Toten, bei anderen bei 30 oder 50 Toten. Bei Högel, kann man vermuten, deutlich höher. Am Donnerstag wird das Urteil gesprochen.

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