Obdachlosigkeit in Deutschland Alle jungen Leute haben ein Smartphone - aber nicht unbedingt einen festen Wohnsitz

37 000 junge Menschen im Alter bis 26 Jahren sind in Deutschland wohnungslos oder von Obdachlosigkeit bedroht. Selten fallen sie auf.

(Foto: Paul Zinken/dpa)
  • Dem Deutschen Jugendinstitut zufolge haben bundesweit 37 000 Menschen bis zum Alter von 26 Jahren keinen festen Wohnsitz.
  • Vielen von ihnen sind "verdeckt obdachlos", finden also kurzfristig Unterschlupf bei Freunden und hangeln sich von Sofa zu Sofa.
  • Das Onlineportal Sofahopper bietet ihnen Hilfe an.
Von Daniel Godeck

Es sind Mitteilungen wie diese, die das Webportal Sofahopper beinahe täglich erreichen: "Meine Tochter hat eine Freundin mitgebracht, die erst mal bei uns lebt, da sie sich mit dem Stiefvater nicht verträgt und bei den Eltern ihres Freundes rausgeflogen ist. Allerdings ist der Platz begrenzt und wir brauchen eure Hilfe." Oder: "Ich habe sehr viele Probleme. Ich bin kurz davor, auf der Straße zu sitzen. Habe die fristlose Kündigung für meine Wohnung erhalten. Ich brauche dringend Hilfe, bitte kontaktieren Sie mich."

Es sind Sätze, aus denen häufig die pure Verzweiflung spricht. Die Ursachen sind dabei vielfältig: Mal ist es die alkoholkranke Mutter, die ihren Sohn nicht mehr ins Haus lässt; mal führen Überschuldung oder Arbeitslosigkeit dazu, dass das Geld für die Miete nicht mehr reicht. Eines aber haben alle Fälle gemein: Ein junger Mensch hat kein festes Dach mehr über dem Kopf und droht, auf die Straße abzurutschen. Viele Betroffene finden zunächst Unterschlupf in der Wohnung der besten Freundin oder können beim Kumpel auf der Couch schlafen. Sozialarbeiter sprechen von verdeckter Obdachlosigkeit: Die jungen Menschen hangeln sich von Sofa zu Sofa, tatsächlich aber leben sie ohne festen Wohnsitz. Hinzu kommt: In den seltensten Fällen ist die Couch eine Dauerlösung.

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Hier setzt das Onlineportal Sofahopper an und schreibt auf der Homepage: "Rausgeflogen? Abgehauen? Keine feste Bleibe mehr? Wir finden mit dir eine bessere Lösung als ein fremdes Sofa!" Zu Beginn vergangenen Jahres gestartet, bietet es bundesweit Beratung und Hilfe für Minderjährige und junge Erwachsene, für die ein Schlafplatz unter einer Straßenbrücke zum Alltag zu werden droht. Es ist das erste virtuelle Angebot dieser Art. Betroffene können per Smartphone oder PC auf das Portal zugreifen und über eine anonyme Chatfunktion mit Sozialarbeitern in Kontakt treten. Je nach Problemlage helfen diese dann bei der Suche nach Job und Wohnung oder stehen den jungen Menschen anderweitig unterstützend zur Seite.

Obdachlosigkeit von Jugendlichen ist kein Randphänomen in Deutschland. Das Deutsche Jugendinstitut hat vor knapp einem Jahr Zahlen veröffentlicht, wonach bundesweit 37 000 Menschen bis zum Alter von 26 Jahren keinen festen Wohnsitz haben. Zwei Drittel von ihnen sind männlich, etwa jeder Fünfte minderjährig. Zwar fallen darunter nicht nur Obdach- und Wohnungslose, sondern auch jene, die sich über längere Zeit nicht an ihrem gemeldeten Wohnort aufhalten. Gleichwohl offenbaren die Zahlen: Selbst in einem der reichsten Länder der Welt müssen viele junge Leute ein Leben auf der Straße fristen.

Trotzdem erhält diese versteckte Obdachlosigkeit gesellschaftlich nur wenig Aufmerksamkeit. Kein Wunder: Während bettelnde Obdachlose in der Fußgängerzone unübersehbar sind, fallen jene, die sich von einem Bekannten zum nächsten durchschlagen, zunächst überhaupt nicht auf. Dabei ist auch unter ihnen die Not häufig groß, zumal wenn der Kumpel seine Couch irgendwann doch nicht mehr teilen will. Neben den Betroffenen selbst können sich auch deren Bekannte an Sofahopper wenden. Betreiber ist die "Off Road Kids Stiftung", die sich - finanziert unter anderem von der Vodafone Stiftung - bereits seit den Neunzigerjahren dafür einsetzt, obdachlose Jugendliche von der Straße zu holen. Dazu unterhält sie in den Bahnhofsvierteln größerer Städte eigene Anlaufstellen für junge Ausreißer.

In den ersten zwölf Monaten gingen über das Onlineportal insgesamt 197 Hilferufe wegen einer akuten Notlage ein. Die Bandbreite reicht hierbei vom fehlenden Personalausweis über psychische Probleme bis hin zum Verlust von Wohnung und Arbeitsstelle. Etwa jede vierte Zuschrift kam dabei nicht von den Betroffenen selbst, sondern von Freunden oder Angehörigen. Insgesamt vermittelte Off Road Kids im Jahr 2017 in etwas mehr als 500 Fällen Hilfe; zwanzig Prozent davon wurden über Sofahopper angestoßen.

"Es ist erst mal ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Stiftungsvorstand Markus Seidel. Allerdings betont er, dass viele Betroffene ohne das Portal wohl kaum Hilfe gefunden hätten. Die Hemmschwelle, Kontakt übers Netz aufzunehmen, ist viel geringer, als direkt zu einer Anlaufstelle zu gehen, aus zwei Gründen: "Es ist anonym und vielen ist gar nicht bewusst, dass sie überhaupt obdachlos sind", sagt Seidel. Die meisten von ihnen kämen nie auf die Idee, sich an Streetworker vor Ort zu wenden. Mit Name und Aufmachung versucht Sofahopper, dem Obdachlosen-Stigma entgegenzuwirken. Dass die Hilfe an fehlender Technik scheitert, daran glaubt Seidel indes nicht: "Alle haben heute ein Smartphone." Ein festes Dach überm Kopf aber nicht.

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