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New York:47 Sekunden bis zur Ewigkeit

Schon im Aufzug nach oben ist New York zu sehen - auf einer Videowand.

(Foto: Timothy Clary/AFP)

Drei Etagen aus Glas und Stahl: Die Aussichtsplattform des neuen World Trade Centers ist ein Ort der Sehnsucht, und vor allem: ein Ort, an dem nur die Zukunft eine Rolle spielen soll.

Von Kathrin Werner, New York

An die Vergangenheit erinnert hier nichts. Kein Wort dazu, warum an der Südspitze Manhattans Platz ist für diesen Turm aus Glas und Stahl, denn darum geht es jetzt nicht, sondern: um die Präsentation eines historischen Ortes, der seine Vergangenheit hinter sich lassen möchte.

Auf dem Weg nach oben erzählen Bauarbeiter auf Videowänden, welche Ehre es war, am neuen World Trade Center zu arbeiten, sie sagen: "Meine Kinder werden meinen Kindern erzählen, dass ihr Dad hier gebaut hat." Oder: "Wir haben unsere Liebe in diesen Bau gesteckt." Sogar: "Es war, wie ein Kind aufzuziehen." Streichmusik, Rührung statt Erinnerung. Alles ist Glas, Stahl und weißer Marmor, alles steht im Zeichen der Zukunft. "See Forever" ist das Motto der nun fertig gestellten Aussichtsplattform, sieh die Ewigkeit. Die "One World Observatory" genannte Plattform erstreckt sich über die obersten drei Etagen des Turms, auf rund 380 Metern Höhe. Am 29. Mai öffnet sie offiziell, die Betreiberfirma erwartet an guten Tagen mehr als 10 000 Besucher.

Nach oben saust einer der schnellsten Aufzüge der Welt, die Fahrt dauert gerade einmal 47 Sekunden und ist fast geräuschlos. Oben kann man bei gutem Wetter 80 Kilometer in die Ferne schauen, man kann auf alles herabblicken, zu dem man sonst aufschaut: Auf die Freiheitsstatue, die Leuchtreklame am Times Square, auf den Turm der Vereinten Nationen, die Brooklyn Bridge, das Empire State Building, auf die Hubschrauber, die Manhattan ständig umsummen. Und auf all die Kräne und Baulöcher, die dafür sorgen, dass in New York nichts so bleibt wie es ist.

Aussichtsplattformen sind immer auch ein Ort der Sehnsucht, ein Ort, an dem man in die Ferne schweift, an dem man ruhig ist, wenig spricht. Aussichtsplattformen, zumal jene, die weit oben liegen, haben eine besondere Faszination, und für die Plattform des neuen World Trade Centers gilt das ganz besonders. Früher standen hier die Zwillingstürme, bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Als 2003 die ersten Pläne für den Neubau gefasst wurden, bekam das Gebäude den Namen "Freedom Tower". Wenn man seine Antenne mitrechnet, ist es genau 1776 Fuß hoch, 541 Meter. 1776 ist das Jahr der Gründung der Vereinigten Staaten.

Wenn man die Antenne nicht mitrechnet, ist nun ein neues Nobel-Wohnhaus in der Park Avenue am Central Park größer als der Glasbau an Manhattans Südspitze. Umbenannt wurde das Gebäude auch, seit 2009 heißt es "One World Trade Center". Der alte Name galt als zu emotional aufgeladen, er hätte Mieter abschrecken können, Pragmatismus kann manchmal wichtiger sein als Pathos. Das neue Gebäude ist Ende 2014 fertig geworden, mehr als ein Drittel der Büros steht noch leer, die Verwalterfirma sucht nach Firmen, die sich die teuren Mieten leisten können.

Im November verlegte immerhin der Verlag Condé Nast seinen Hauptsitz mit 2300 Mitarbeitern in das Gebäude. Sie blicken auch herab auf die, die für das Erinnern zuständig sind: im Süden, am Fuß des Turms, liegen Museum und Denkmal für die alten Türme und die 3000 Opfer der Anschläge. Zwei schwarze Löcher, in die Wasser fällt. Sie sehen winzig aus von hier oben.

© SZ vom 23.05.2015

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