Nach Mafia-Morden von Duisburg Italienische Justiz lässt verurteilte Mafiosi frei

Mindestens drei Gewalttäter der kalabrischen 'Ndrangheta, die im Zusammenhang mit dem Sechsfachmord von Duisburg und anderen Straftaten zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, hat die italienischen Justiz offenbar freigelassen. Die Blutfehde der Gangster-Clans von damals könnte wieder aufflammen.

Das Massaker von Duisburg im Jahr 2007 kostete sechs Menschenleben - die Aufklärung des Blutbads wurde als Erfolg der Zusammenarbeit von deutschen und italienischen Ermittlern gefeiert. Erst im Sommer wurde der Haupttäter Giovanni Strangio verurteilt. Doch wie Recherchen des ARD-Fernsehmagazin Report München nun aufdecken, befinden sich einige seiner Komplizen wieder auf freiem Fuß. Freigelassen wurden die Männer, weil der zuständige Richter die schriftliche Begründung ihrer Urteile nicht fristgerecht erstellt hat. Dies geht aus einem Papier des Bundeskriminalamtes hervor, das Report München vorliegt. Weitere Verurteilte verbüßen ihre Haftstrafen im Hausarrest, weil ihnen ein Gefängnisaufenthalt aus gesundheitlichen Gründen angeblich nicht zuzumuten ist.

Polizisten stehen am 15. August 2007 am Tatort in Duisburg. Könnte die Mafia-Gewalt in Deutschland wieder eskalieren? Einige Beteiligte am Massaker in der Pizzeria Da Bruno sind offenbar wieder auf freiem Fuß.

(Foto: dpa)

Seit zwei Monaten auf der Flucht befindet sich demnach Antonio Pelle. Laut BKA gilt er als Auftraggeber für einen burtalen Mord an Weihnachten 2006 an Maria Strangio. Diese Gewalttat war wiederum Auslöser für die unerbittliche Blutfehde der rivalisierenden 'Ndrangheta-Clans Strangio-Nirta gegen Pelle-Vottari, die ihren vorläufigen Höhepunkt 2007 im sechsfachen Mord von Duisburg fand. Dabei hatten Mafia-Clans die Opfer vor der Pizzeria Da Bruno hingerichtet. Es war die bisher gewalttätigste Mafia-Auseinandersetzung auf deutschem Boden. Obwohl zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, kam Antonio Pelle nach den ARD-Recherchen erst in Hausarrest und flüchtete dann aus einer Klinik, in der er nicht unter Bewachung stand.

Rückkehr nach Deutschland befürchtet

Der prominente Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri bestätigt Report München, dass Pelle offenbar mithilfe von Medikamenten Magersucht vorgetäuscht hat, um seine Strafe in Hausarrest verbringen zu können. Gratteri kritisiert sowohl die Praxis des Hausarrests für verurteilte Gewalttäter als auch die Freilassungen wegen Fristverstreichung scharf und fordert eine Änderung der italienischen Gesetze: "Wir bräuchten schnelle, umfangreiche Reformen im Rahmen des Spielraums, den uns die Verfassung gibt und ein effizientes, maximal computergestütztes Justizwesen. Wir gehen immer noch mit den dicken Aktenmappen durch die Gerichte so wie vor 30, 40 Jahren."

Das Bundeskriminalamt fürchtet nun die Rückkehr der Gangster nach Deutschland, wo sie bereits jahrelang gelebt hatten. Laut BKA müsse man davon ausgehen, dass die Blutfehde in Italien jederzeit wieder neu ausbrechen kann, heißt es in dem Bericht der Magazinsendung, der heute Abend ausgestrahlt wird.

Bei erneuten Auseinandersetzungen könnten "diese auch wieder in Deutschland ausgetragen werden". Die Polizei reagiert darauf bereits mit verstärkter Alarmbereitschaft und erhöhtem Informationsaustausch mit italienischen Kollegen.