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Mordfall Meredith Kercher:Erneute Spurensuche

"Ich bin kein gnadenloser Mörder", sagt Raffaele Sollecito vor dem Gericht, das den Mordfall Meredith Kercher untersucht. Die Vorwürfe, die ihm und Amanda Knox gemacht werden, seien absurd. Nun wird ein Messer mit verdächtigen DNS-Spuren erneut untersucht.

Am Ende sind ihm die Tränen gekommen, und er kann nicht weitersprechen, obwohl es an diesem Tag nicht schlecht laufen wird für ihn. Zum ersten Mal hat Raffaele Sollecito am Mittwoch in Florenz im Revisionsprozess gesprochen, in dem er und seine amerikanische Ex-Freundin Amanda Knox erneut des Mordes angeklagt sind. Zehn Minuten dauert die "spontane Erklärung" des 29-Jährigen, der erst am Vortag von einem längeren Aufenthalt in der Dominikanischen Republik eingeflogen kam. Bisher hat er an der Neuverhandlung des Verbrechens an der britischen Studentin Meredith Kercher gar nicht teilgenommen, und er wird dort auch mit seinen Anwälten allein auf der Anklagebank bleiben. Amanda Knox, die durch den Fall weltbekannt wurde, hat erklärt, sie habe keinerlei Absicht, deshalb aus den USA wieder nach Italien zu kommen.

"Ich bin kein gnadenloser Mörder", sagt Sollecito vor dem Schwurgericht. Er erzählt nicht nur, dass Amanda seine erste große Liebe gewesen sei, sondern auch, dass er keine Arbeit finde und wie ihm das Leben abhanden gekommen sei durch die Jahre zwischen Gefängnis und Gerichtssälen: "Das wünsche ich niemandem auf der Welt." Er sagt: "Die Vorwürfe, die mir, die uns gemacht werden, sind absurd." Um das zu untermauern, erinnert Sollecito auch daran, dass er ursprünglich verhaftet worden war wegen eines blutigen Turnschuhabdrucks, von dem sich nach acht Monaten herausstellte, dass er gar nicht zu seinen Schuhen gehörte.

Fast auf den Tag genau sechs Jahre ist es her, dass Meredith Kercher in der Nacht des 1. November in ihrer Studentenwohnung in Perugia misshandelt und grausam getötet wurde, und noch immer ist ihr Tod nicht ganz geklärt. Im ersten der weltweit Aufsehen erregenden Indizienprozesse waren Sollecito und Kerchers Zimmernachbarin Knox 2009 schuldig gesprochen und zu 25 und 26 Jahren Haft verurteilt worden. Im Berufungsverfahren kam die spektakuläre Wende: Am 3. Oktober 2011 ergingen Freisprüche für beide, nach vier Jahren Gefängnis durften sie nach Hause gehen. Der Einzige, der bisher wegen des Mordes in separaten Verfahren verurteilt ist, ist der 26 Jahre alte Rudy Guede. Doch dass er allein gemordet hat, glauben weder die Staatsanwälte, noch die Familie Kercher und haben deshalb die nun laufende Wiederaufnahme des Prozesses bewirkt. 16 Jahre hat der von der Elfenbeinküste stammende Guede zu verbüßen, seine DNS-Spuren wurden am Opfer gefunden und stehen bisher nicht in Zweifel.

Amanda Knox Zeuge beschuldigt Amanda Knox
Mord in Perugia

Zeuge beschuldigt Amanda Knox

Erneut ist in Italien ein Prozess gegen die US-Amerikanerin Amanda Knox eröffnet worden. Die 26-Jährige wird beschuldigt, 2007 gemeinsam mit zwei weiteren Tätern ihre Mitbewohnerin getötet zu haben. Einen Freispruch hatte das oberste Berufungsgericht im Frühjahr kassiert.

Küchenmesser mit verdächtigen DNS-Spuren

Das ist ganz anders bei den genetischen Spuren von Knox und Sollecito, und sie sind auch das zentrale Element vor dem Appellationsgericht in Florenz. Ein ordinäres Küchenmesser mit scharfer Spitze und gezackter Schneide könnte wieder zum entscheidenden Objekt werden. Diese mutmaßliche Tatwaffe hatte die Polizei in der Küchenschublade in Sollecitos damaliger Wohnung in Perugia gefunden, und sie ist nun zum dritten Mal von Experten untersucht worden. Was die Kriminaltechniker der Carabinieri am Mittwoch aus ihrem Gutachten vor Gericht erläutern, lautet im Kern: Die einzigen Spuren, die sie an dem Messer feststellen können, gehören zu Amanda Knox. Sollecitos Verteidigerin Giulia Bongiorno folgert daraus nach der Verhandlung vor dem Gericht zufrieden: "Es gibt keine Beweise." Die DNS von Knox sei auf dem Messer, weil sie in Sollecitos Wohnung häufig zum Essen war.

Der Anwalt der Familie Kercher, Francesco Maresca, hingegen bewertet die Spur als belastendes Indiz. Im für den ersten Prozess relevanten Untersuchungsergebnis waren nicht nur auf dem Messergriff Spuren von Knox festgestellt worden, sondern auf der Klinge auch die von Meredith Kercher. Dieses Resultat fegten aber andere Experten im Berufungsverfahren vom Tisch. Das Gutachten der Carabinieri-Spezialisten ist nun voraussichtlich wieder eher günstig für Knox und Sollecito. Am 25. November geht der Prozess in Florenz weiter, das Urteil soll am 10. Januar fallen.