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Mordanschlag auf Ibrahim Tatlises:Attentat auf den "Imparator"

Die "süße Stimme" singt nicht mehr: Ibrahim Tatlises, Schnulzenkönig und Lieblingskurde der Türken, liegt nach einem Kopfschuss im künstlichen Koma. Steckt die Unterwelt hinter dem Anschlag?

Kai Strittmatter

Istanbul, kurz nach Mitternacht. Der Sänger verlässt das Fernsehstudio, in dem er wie jeden Sonntagabend seine Show aufgenommen hat. Er nimmt auf dem Rücksitz seiner Limousine Platz. Die Leibwächter warten im Wagen dahinter. Ein schwarzes Auto nähert sich, ein Zeuge wird später aussagen, darin hätten fünf Männer gesessen. Sie feuern im Vorbeifahren, Schüsse aus einem automatischen Gewehr. Eine Kugel durchschlägt den Schädelknochen hinten rechts und tritt an der Stirn wieder aus. Das Krankenhaus erreicht der Sänger bei vollem Bewusstsein, die Polizei hofft, dass er etwas über die Täter verrät.

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Der schwarzlackierte Schnauzer saß tadellos bis zuletzt: Ibrahim Tatlises.

(Foto: AFP)

Er sagt nichts. Die Ärzte operieren. Sie sagen, er schwebe in Lebensgefahr.

Ibrahim Tatlises liegt in einem künstlichen Koma. Die Welt starrt auf explodierende Reaktorblöcke in Fukushima, die Türkei starrt auf das Istanbuler Krankenhaus, in dem die Ärzte um das Leben von Ibrahim Tatlises kämpfen. Selbst auf der Webseite von Radikal, eben noch ein liberales Intellektuellenblatt, widmeten sich gleich die ersten drei Spitzenmeldungen der Nachricht vom Attentat auf den "Imparator". Manche nennen ihn auch "Iborotti", die meisten sagen einfach "Ibo". Ibo ist nicht nur ein Sänger. Er steht für eine ganze Ära. Und wenn auch seine Zeit als Star abgelaufen schien, so saß doch der stets schwarzlackierte Schnauzer bis zuletzt tadellos über den rotglänzenden oder satinweißen Anzügen.

Ibrahim Tatlises ist der Türken Schnulzenkönig. Typische Verse: "Meine Seele ein Stein, dem eine Hornhaut gewachsen ist / Meine Tränen eifern dem Regen nach / Ich habe den Krieg mit der Liebe verloren". Sein Tremolo brachte die Nation zum Erbeben. Mehr als 30 Alben hat er aufgenommen, aber eigentlich waren sie alle nur die Fortsetzung eines einzigen langen Seufzers: "Dies ist kein Leben" (1982), "Lüge" (1983), "Allah, Allah" (1987), "Schwarzer Kerker" (1988), "Ach, wenn doch nur ..." (1992).

Ego und Macho-Image statt Vorbildfunktion

Ibrahim Tatlises war lange die Gallionsfigur des Arabesk, jener Mischung aus orientalischer Verzweiflung und westlichem Schlager, der die Taschentücher des Volkes seit Jahrzehnten tränkt und die säkulare Elite des Landes ebenso lang zur Raserei treibt. Erst im letzten Jahr wütete Starpianist Fazil Say gegen das "Arabesk-Proletentum", nannte die Musik "reaktionär und "verlogen" und schrieb auf Facebook: "Ich schäme mich, schäme mich, schäme mich."

Tatlises heißt "Süße Stimme". Den Namen legte sich der junge Ibo zu, nachdem er entdeckt wurde, angeblich, während er beim Steineklopfen auf der Baustelle vor sich hin trällerte. Schnell wurde er bekannt, der Junge aus einer armen kurdisch-arabischen Familie, der von sich selbst behauptete, er sei "in einer Höhle geboren". In den 1980er Jahren war er Hofsänger des Präsidenten Turgut Özal, der ihn sogar mit auf Auslandsreisen nahm. Ibo war immer auch der Türken Lieblingskurde. Zu einer Zeit, da der zweite berühmte Kurde, der PKK-Chef Abdullah Öcalan, die Kurden in Befreiungskampf und Terror führte, hatte Ibrahim Tatlises ausschließlich türkischsprachige Lieder im Programm und betonte bei Konzerten brav, er sei "Kurde türkischer Abstimmung". Er war auch vielen Kurden Vorbild, zeigte er ihnen doch, wie man es schaffte, in der Türkei reich zu werden und mit den schönsten Frauen des Landes zu schlafen. Ibo war der erste Künstler des Landes, der sich einen Privatjet leistete, bald nannte er auch ein Busunternehmen und eine Fastfoodkette sein eigen, in der Lahmacun serviert wird, die türkische Pizza, für die seine Heimatregion Urfa bekannt ist.

Tatlises selbst nahm sein Ego und sein Macho-Image immer ernster als seine Vorbildrolle. Eine seiner Freundinnen verprügelte er vor laufenden Kameras, eine andere Geliebte, so berichten die Zeitungen, habe er von befreundeten Gangstern ins Bein schießen lassen, nachdem sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. 1996 begann er der türkischen Presse zufolge im Basar von Urfa einen Streit mit einem Teppichhändler. Der Händler war kurz darauf tot, erschossen von Tatlises' Neffen. Vor drei Jahren erst war er einer der Angeklagten im Prozess gegen die "Sauna-Bande", die Politiker in die Arme von Prostituierten getrieben hatte, um sie zu erpressen. Mehrere Male wurde er festgenommen, für eine Verurteilung reichte es nie. Sein Stern aber begann zu verblassen. 2009 schmiss ihn der Sender ATV hinaus, nachdem er die Sängerin Yildiz Tilbe in seiner Show eine "Nutte" genannt hatte, zuletzt fand er eine Heimstatt im unbekannten Nischensender "Beyaz TV". Die dunkle Seite des Sängers ist wohl verantwortlich dafür, dass die Trauer in den Online-Foren am Montag eher verhalten war.

Steckt die Unterwelt hinter dem Mordanschlag? Die Polizei hält sich bedeckt. Ein paar letzte Tatlises-Verse: "Mein Leben war immer Winter, nie Frühling / meine Blumen sind verwelkt / pflück' mich doch". Titel des Liedes von 1991: "Erschieß mich doch".

© SZ vom 15.03.2011
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